|
September 2011 |
Sachbücher: ![]() 352999 Hank, Sylvia: Verschiedene Facetten von Armut und beispielhafte Hilfsinitiativen für Arme in Deutschland. Rund 15% der bundesdeutschen Bevölkerung gelten als armutsgefährdet. Zwar ist dies im Vergleich zu manchen Ländern der Dritten Welt oft eine relative Armut, doch geht diese materielle Not oftmals einher mit sozialer Ausgrenzung, mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe, erhöhten Gesundheitsrisiko und psychischen Belastungen. Die beiden, einem christlichen sozialethischen Ansatz folgenden Autorinnen schildern das erschreckende Ausmaß der Armut in Deutschland und gehen auf verschiedene Facetten dieser Armut ein. Exemplarisch werden dabei Lebensschicksale aus verschiedenen Risikogruppen und beispielhafte Hilfsinitiativen vor allem aus dem süddeutschen Raum vorgestellt. - Das Buch bietet insgesamt einen aktuellen, engagierten und sachkundigen Einstieg in die Thematik. Ein wenig stört, dass außer Verweisen auf einschlägige Webangebote Quellenbelege für zitierte Sachinformationen fehlen und der Verlag die eher knappe Textmenge durch einen sehr großzügigen Satz aufgebläht hat. Dennoch überall gut einsetzbar. ![]() 349396 Verändert euch! 20 Beiträge zur aktuellen Diskussion um eine entscheidende Zukunftsfrage. Es handelt sich nicht, wie der Titel "Manifest" nahe legt, um eine von allen Autoren gemeinsam formulierte, in sich geschlossene programmatische Denkschrift. Vielmehr bietet der Sammelband 20 unterschiedlich lange, unterschiedlich gewichtige und in einem jeweils eigenen Modus geschriebene Texte, also um glänzend formulierte Essays (z.B. Schorlemmer), persönlich gefärbte Erlebnisberichte und Reportagen (z.B. Landolf Scherzer), nüchterne Bestandaufnahmen (z.B. Prof. Claudia Kemfert) oder auch thesenartige Forderungskataloge (z.B. Christian Friege, Ralph Kampwirth). Somit sind trotz Konsens im Grundsätzlichen (möglichst rascher Ausstieg aus der Nutzung der Atomenergie, Förderung erneuerbarer Energien, Energieeffizienz und schonender Umgang mit der Umwelt) eine gewisse Vielfalt der Meinungen und unterschiedliche Herangehensweisen gewährleistet. Anderseits kommt es auch verschiedentlich zu Redundanzen und Überschneidungen. Von der Profession der Autoren her handelt es sich hauptsächlich um Publizisten (Die Zeit, Der Spiegel, SZ, Ökotest, taz...) Schriftsteller (Günter Kunert, Christa Wolf), Philosophen, Theologen, Umweltaktivisten, Politiker, Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler, während sich Naturwissenschaftler und Fachleute aus Forschung, Technik oder Industrie, die zu den rein technologischen Problemen Stellung nehmen könnten, kaum finden. Dies kann man durchaus als Manko empfinden. Und obwohl die Autorenauswahl in gewissem Widerspruch zu der dezidierten Absicht des Verlages steht, der kein Buch wollte, "in dem sich Gleichgesinnte gegenseitig ihrer richtigen Gesinnung versichern" (S. 9, Vorwort), kann man den Sammelband als interessanten Diskussionsbeitrag zu einer entscheidenden Gegenwarts- und Zukunftsfrage bezeichnen. ![]() 570257 Krämer, Gudrun: Einführende Texte einer renommierten Islamwissenschaftlerin in zentrale Fragen islamischen Selbst- wie Weltverhältnisses. Die im südlichen Mittelmeerraum ausgebrochene "Arabellion" nimmt die in Berlin lehrende Islamwissenschaftlerin zum Anlass, einige zwischen 2003 und 2009 veröffentlichte (u. nach wie vor lesenswerte) Beiträge neu herauszugeben - und das in der ebenso profunden wie verständlichen Beck'schen Reihe. Ihre "Einführung in den Islam" (unter dem spannenden Blickwinkel von "Einheit und Vielfalt") ist ebenso lesenswert wie die Ausführungen über "Säkularisierung im Islam" oder ihre Thesen zum "Antisemitismus in der arabischen Welt". Letztlich plädiert die Autorin dafür, selbstkritischen islamischen Aktivisten u. muslimischen Intellektuellen seitens der westlichen Welt die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die islamistischen Wortführern in so reichlichem Maß zuteil wird. ![]() 350181 Die Mauer Bild- und Textband zur Geschichte der Berliner Mauer. In diesen Erinnerungen an die Berliner Mauer, deren Brutalität die Nachgeborenen nur noch an einigen denkmalartigen Stellen erahnen können, verbinden sich historische und politische Informationen mit dokumentarischen Fotos und Berichten von betroffenen Zeitzeugen, Angehörigen von Maueropfern, politisch Verfolgten und geglückten Fluchten. Vom Mauerbau bis zu ihrem Fall entsteht so ein lebendiges Bild der deutschen und insbesondere der Berliner Geschichte mit ihren dramatischen Ereignissen, Hoffnungen und Befürchtungen, ihrer Anormalität und der menschenverachtenden Rücksichtslosigkeit des DDR-Regimes. - Das fakten- und bilderreiche Erinnerungsbuch, das auch der Toten an der Mauer gedenkt, ist als anschauliche und gut verständliche Einführung in das Thema allen Büchereien sehr zu empfehlen. ![]() 348982 Lahm, Philipp: Der bekannte Nationalspieler und Kapitän der deutschen Fußballmannschaft stellt den Werdegang seiner Karriere vor. Mit fünf Jahren fing der gebürtige Münchner, der in einer fußballbegeisterten Familie aufwuchs, an, beim FT Gern zu kicken. Die ersten Spiele, die überregional Aufsehen erregten, absolvierte er in Stuttgart unter dem Trainer Felix Magath, auf den er später dann in München nochmals treffen sollte. Sehr detailliert und mit spürbarer Leidenschaft erzählt Lahm von Spielen, die wichtige Stationen seiner Karriere kennzeichnen. Einen wichtigen Teil nimmt dabei natürlich die WM 2006 im eigenen Land ein. Nie wird Lahm respektlos, auch nicht, wenn er die Schattenseiten einiger Trainer erwähnt. Das Bild von den elf Freunden auf dem Feld rückt Lahm allerdings gründlich zurecht. Das Geschäft der Profis ist von Konkurrenz geprägt, auch wenn gemeinsam errungene Siege für Momente alles andere zweitrangig werden lassen. Neben diesen Glücksmomenten erzählt Philipp Lahm auch von den weniger erfreulichen Zeiten, die der Verletzungen und die der Konfrontation mit der Führungsriege des FCB. Deutlich wird, dass der Kapitän der Nationalelf mit dem Bild des netten Jungen von nebenan aufräumen will. Dass er auch sozial bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, davon erzählen die Eindrücke, die Philipp Lahm in Afrika gewann, aus denen dann die Philipp-Lahm-Stiftung hervorging. - Der Journalist Christian Weiser zeichnete das Erlebte für Philipp Lahm auf und übernimmt dabei weitgehend den mündlichen Sprachgebrauch. Der Mittelteil gewährt einen fotografischen Einblick in die Karriere, aber auch das Private von Philipp Lahm. Wer sich erwartet, wirklich hinter die Kulissen schauen zu können, wird sicher enttäuscht werden, erfährt der Leser doch wenig, was nicht aus den Medien schon bekannt wäre. Wer aber eingefleischter Fußballfan ist, dem eröffnet sich ein realistisches, wenn auch vielleicht ein wenig desillusionierendes Bild und die Möglichkeit, die eigene Leidenschaft in dem Buch gespiegelt zu finden. ![]() 349097 Donoghue, Emma: Einem von der Außenwelt isoliert aufgewachsenen Jungen fällt es schwer, sich ins reale Leben einzugewöhnen. Der von der irischen Schriftstellerin Emma Donoghue (Jahrgang 1969) liebevoll porträtierte Jack ist fünf geworden. Dass er nur ein einziges Geschenk bekommen hat, stimmt ihn nicht traurig: Hauptsache, er ist mit seiner geliebten Ma zusammen. Die vor sieben Jahren von einem ihr unbekannten Mann entführte und eingesperrte junge Frau hat Jack ohne fremde Hilfe zur Welt gebracht und lebt mit ihm auf engstem Raum. Indem sie dem inzwischen Herangewachsenen geduldig erklärt, dass es neben dem "Drinnen" ein "Draußen" gibt, beginnt sie mit der Vorbereitung seiner minutiös geplanten Flucht. Es ist die Ankunft in der Welt "in echt", die Jack zu schaffen macht. Zu laut, zu grell, zu viel - der aus der Isolation entlassene Junge sehnt sich nach der körperlichen Wärme seiner Mutter und nach der Geborgenheit des "Raums". - Wenn die Autorin ihre zu Herzen gehende, lesenswerte Geschichte über eine intensive Mutter-Kind-Beziehung aus der Perspektive des Fünfjährigen erzählt und seine Sprache verwendet, erstellt sie ein beeindruckendes literarisches Psychogramm. Darüber hinaus wird der emotional bewegte Leser animiert, Gewohntes und für normal Gehaltenes zu hinterfragen. (Übers.: Armin Gontermann) ![]() 344386 Dorrestein, Renate: Roman über das Leben eines heranwachsenden jungen Mannes mit geistiger Behinderung, erzählt aus seiner eigenen Sicht, wie aus der seiner Oma, bei der er lebt.. Igor, 16 Jahre, wächst bei seiner Oma auf. Er ist nicht der hellste, aber hat das Herz am rechten Fleck. Als er einen Platz in einer Behindertenwerkstatt erhält, sind seine Oma und er überglücklich. Dort lernt er Bobbie kennen. Bobbie, die wie er selbst auch weiß, was eine Giraffe ist. Eines Tages geht Bobbie weg aus der Werkstatt. Igor bleibt verzweifelt zurück. Doch Igors Oma und der Leiter der Werkstatt lassen sich etwas einfallen gegen seinen Kummer. Und so darf sich Igor schließlich bis zum Zusammenschrauben von Wohnmobilen hocharbeiten und seine Oma wird zur wahren Spezialistin für leckere, kalorienreiche Desserts. Dann tritt Lisa in Igors Leben. Lisa verkauft Obdachlosenzeitungen, hat eine Schraube im Kopf, kann keine Minute still sitzen und isst jeden Tag die Hälfte der vielen Brote weg, die Igors Oma ihm immer mitgibt. Lisa findet Igor gut und will lieber bei ihm wohnen als auf der Straße oder in der Unterkunft. Weil Igors Oma das aber bestimmt nicht gut findet, beschließt er, Lisa zu Bobbie zu bringen. Die, weiß er, wohnt jetzt bei ihren Verwandten am Kanal und hat viel Platz. Igors Plan geht fast auf. Doch dann regnet es, die Beiden finden ein liegen gelassenes Baby - und die Oma nimmt schließlich alle Drei auf, im Glauben, das Baby gehöre Lisa. Die scheint mit dem Baby und Igor sehr glücklich, Oma und Igor weniger. Am Ende ist es Stanley, Omas Freund aus dem indischen Imbiss, der gerade noch rechtzeitig die richtige Lösung für alle findet. - Renate Dorrestein erzählt die Geschichte von Igor und seiner Oma warmherzig und erbarmungslos ehrlich. Die einfachen auf ihre Art logischen Gedanken Igors beschreibt sie ebenso plausibel und nachvollziehbar wie die von Vorwürfen und Ängsten geplagten seiner Oma. Eine im wahrsten Sinn des Wortes ver-rückte Geschichte, die kaum ein wichtiges Lebensthema auslässt, den Leser packt und lange nicht mehr loslässt. Sehr empfehlenswert. (Übers.: Hanni Ehlers) ![]() 569763 Einar Már Guđmundsson: Ergreifende Liebesgeschichte zwischen zwei Alkohol- und Drogensüchtigen. Einar sitzt wegen Drogenhandels in Untersuchungshaft, seine Geliebte Eva kämpft trotz ihrer Abhängigkeit um ihre beiden Kinder, die aus ihrer gescheiterten Ehe stammen. Den beiden, die sich erst seit Kurzem kennen, bleibt nur der Briefwechsel, um in Kontakt zu bleiben. Sie erzählen einander ihr Leben, wie sie in die Sucht geraten sind, ihre Entziehungskuren, die Treffen der anonymen Alkoholiker, aber vor allem schreiben sie von ihrer Liebe und dem festen Willen, von der Sucht loszukommen. Als Einar entlassen wird, glaubt niemand, dass die beiden abstinent bleiben, aber sie schaffen es. - Eine ergreifende Liebesgeschichte verbunden mit eindringlichen Schilderungen, was die Sucht aus dem Menschen macht, wie sie Familien und Leben zerstört. Der Autor erhielt die anrührenden, poetischen Briefe seines Namensvetters und Evas nach dessen Haftentlassung und sah sich mit seinem eigenen Alkoholproblem konfrontiert. Schreibend beginnt er nachzudenken; das Geschichtenschreiben wird seine Therapie. Eine besondere Empfehlung für Leser, die sich für das Schwerpunktland Island der diesjährigen Buchmesse interessieren. (Übers.: Angela Schamberger u. Wolfgang Butt) ![]() 569563 Foenkinos, David: Ein unvermittelter Kuss beschert Nathalie nach dem Tod ihres Mannes eine neue Liebe. Nach siebenjähriger, glücklicher Ehe stirbt Nathalies Ehemann Francois bei einem Autounfall. Nathalie, angestellt bei einer schwedischen Firma, stürzt sich in die Arbeit. Dabei muss sie die Annährungsversuche ihres Chefs abwehren. Nach drei Jahren beginnt sie sich langsam wieder lebendig zu fühlen - und küsst im Überschwang ihren Mitarbeiter Markus. Ein Kuss, der für sie keinerlei Bedeutung hat, Markus aber wie ein Wunder vorkommt. Er küsst sie ebenfalls. Schließlich verabreden sich die beiden miteinander. Ein Rätsel für ihre Kollegen, denn Nathalie ist energisch und wunderschön, Markus dagegen unauffällig und hässlich. Doch mit seiner unbeschwerten, überraschenden Art gelingt es ihm, Nathalie zum Lachen zu bringen. - Eine zarte Liebesgeschichte, wunderschön geschrieben, humorvoll und einfühlsam. Etwas ganz Besonderes. (Übers.: Christian Kolb) ![]() 350062 Hein, Christoph: Roman über die Lebenskrise eines Akademikers, in der sich auch eine gesellschaftliche Sinnkrise spiegelt. Der Protagonist des Romans unterrichtet an der Leipziger Universität Kulturwissenschaft. Er hat seinen 59. Geburtstag eher etwas lustlos "über sich ergehen lassen". Überhaupt steckt der Akademiker Rüdiger Stolzenburg in einer tiefen Lebens- und Sinnkrise, weil er alle seine beruflichen und auch menschlichen Ideale als degradiert und wertlos erlebt. Es ist dabei nicht nur die in seinem Alter "normale" Konfrontation mit den Jüngeren, Erfolgreicheren, in jeder Hinsicht Potenteren, die dem Protagonisten das Leben so schwer macht. Es ist vor allem die Erfahrung, dass in der (deutschen) Gegenwartsgesellschaft scheinbar nur noch derjenige erfolgreich sein kann, der sein Geld schnell und extrem risikoreich etwa über Börsen- und Immobilienspekulationen erwirbt. Wer da zum Beispiel über einen heute vergessenen Librettisten aus der Mozart-Zeit forscht, hat eigentlich keine Chance mehr im täglichen Überlebenskampf. Mit diesem Roman konfrontiert Christoph Hein seine Leser mit der oft bitteren Lebenssituation einer Generation von Akademikern, deren durch ein langes Studium und später dann Forscherleben erworbene Qualifikationen keinerlei Wert mehr besitzen. Die Universitäten werden einzig nach wirtschaftlichen Effizienzkriterien radikal umgebaut. Die Geisteswissenschaften besitzen kaum noch einen Wert und die Medien, als weitere mögliche Einnahmequellen für Akademiker, interessieren sich nur noch für Einschaltquoten oder schnell hochgepuschte Auflagen. Alles andere wird zu Müll, zu "Lebensmüll", wie es der Protagonist des Romans schmerzhaft an sich selber beobachtet. Die Sinnkrise des Rüdiger Stolzenburg hat nicht nur individuelle Ursachen, sondern in ihr spiegelt sich eine tiefe Wertekrise unserer Gesellschaft. Lesenswert. ![]() 569723 Herles, Wolfgang: Ehemaliger Minister entwickelt eine leidenschaftliche Liebe zu einer Dirigentin. Nachdem er von Bundeskanzlerin Christina Böckler entlassen wurde, verliert sich der ehemalige Minister Stein in seine Leidenschaft für die Dirigentin Maria Bensson. Er war schon immer ein Liebhaber der Oper, doch letztlich ist es die Macht der Dirigentin über das Orchester, die ihn magisch anzieht. Stein reist der Dirigentin von Salzburg über Zürich und Mailand bis nach Berlin nach, wo Maria 'Rheingold' von Richard Wagner dirigieren soll. Es gelingt Stein, einen losen Kontakt zu ihr aufzubauen, doch seine Verehrung nimmt immer radikalere Züge an. Er schickt seiner Angebeteten ein Nachthemd ins Hotel und lauert ihr im Dirigentenzimmer der Staatsoper auf. Schließlich wird er nicht nur für Maria Benssons Psyche, sondern auch für ihre Karriere zur Belastung. - Ein humorvoller Roman über die Ränkespiele der Macht und die Musik Richard Wagners. Verständlich, dass der ehemalige Leiter des ZDF-Studios in Bonn, Wolfgang Herles, es sich nicht nehmen ließ, die Figur der Christina Böckler für Anspielungen auf die amtierende Bundeskanzlerin zu nutzen. ![]() 350017 Honigmann, Barbara: Auf eine sie dominierende Liebesbeziehung reagiert die Protagonistin mit einem eigenen Lebensentwurf. Die intensive Rückerinnerung der schreibenden und malenden Ich-Erzählerin entspricht der Betrachtung ihres bisherigen Lebens. Im Mittelpunkt steht ihre komplizierte Beziehung zu dem erfolgreichen, inzwischen verstorbenen Theaterregisseur A., dem sich die um 15 Jahre Jüngere emotional "ausgeliefert hatte". A. jedoch, "ein Fluchttier", bevorzugt "Ungeregeltes, Ungenormtes" und reagiert mit seiner Eigenwilligkeit auf den in den 1970er Jahren erstarrten DDR-Kulturbetrieb. Als ihm staatlicherseits genehmigt wird, als Gastregisseur im Westen zu arbeiten, bleibt beiden die schriftliche Verständigung als einzige Verbindung. Während A. die Welt bereist, erkundet die der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörende Ich-Erzählerin "etwas Nahes" und vertieft den Kontakt zu ihrer Gemeinde. Das in diesem Zusammenhang geäußerte Unverständnis des geliebten Mannes, der ihr Flucht aus dem realen Leben vorwirft, irritiert sie und erschwert den Dialog. Was ihr bleibt, sind die "Bilder von A.", die sie durch ihre von der Autorin Barbara Honigmann (Jahrgang 1949) einfühlsam gestaltete Traumwelt begleiten. Lakonisch, poetisch, nicht ohne Selbstironie erzählt, liest sich die aus Szenen und Episoden bestehende empfehlenswerte Prosa als eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Der 2011 mit dem Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich geehrten Schriftstellerin ist es darüber hinaus gelungen, ein stimmiges DDR-Bild zu vermitteln, das auf den eigenen Erfahrungen der gebürtigen Ostberlinerin beruht. ![]() 569298 Jio, Sarah: Ein altes Familiengeheimnis löst die Schreibblockade der frisch geschiedenen Schriftstellerin Emily. Emily wird nach sechs Jahren Ehe von ihrem Mann verlassen. An die neue Situation kann sie sich nur schlecht gewöhnen und auch auf ihre Arbeit als Schriftstellerin kann sie sich nicht mehr konzentrieren. Schließlich fährt sie auf die Insel Bainbridge zu ihrer Tante, um Abstand zu gewinnen. Dort hat sie auch schon als Kind glücklich ihre Ferien verbracht. Kaum angekommen, trifft sie auf alte und neue Bekannte, die sie ablenken. Abgesehen davon, dass sie eine neue Liebe findet, stößt Emily auch auf ein altes Familiengeheimnis, das sie derart in Bann schlägt, dass auch ihre Schreibblockade gelöst wird und sie darin Stoff für einen neuen Roman entdeckt. - Ein spannender Schmöker mit gut strukturiertem Plot. Während die Ich-Erzählerin, passend zum Plot, sehr differenziert gezeichnet ist, dienen die anderen Charaktere mit ihren markanten Zügen eher der Weiterentwicklung der Handlung. Leichte, spannende Lektüre. (Übers.: Charlotte Breuer u. Norbert Möllemann) ![]() 348631 Jonasson, Jonas: Eine amüsante moderne Münchhausengeschichte, die in Schweden 2009 zum erfolgreichsten Buch des Jahres wurde. Dem 100-jährigen, rüstigen und äußerst lebenslustigen Allen graut vor der bevorstehenden pompösen Geburtstagsfeier im Altersheim. Deshalb macht er sich kurzerhand aus dem Staub. Durch Zufall gelangt er in den Besitz eines ominösen Koffers voller Geld. Von nun an sind die Gangster, denen er den Koffer entwendet hat, und natürlich die schwedische Polizei hinter ihm her. Es beginnt eine turbulente, den Realitätssinn des Lesers auf höchst amüsante Weise strapazierende Flucht durch ganz Schweden. Da Allen mit dem gemopsten Geld äußerst großzügig umgeht, schließen sich ihm nach und nach mehrere mehr oder minder zwielichtige Gestalten an. Schließlich ist es sogar der Gangsterboss selbst, der mit von der Partie ist, ja sogar der Kommissar kann der Aussicht auf einen schönen Lebensabend in Bali am Ende nicht widerstehen. Dass zwei der Gangster auf höchst skurrile Weise ums Leben kommen, kann die allgemeine Heiterkeit nicht stören. Dass es sich bei dem Helden der Geschichte um einen außergewöhnlichen Mann handelt, wird durch die nach und nach in Form von Rückblenden eingearbeitete Lebensgeschichte Allans klar. Und auch hier tut sich der Autor in seinem phantastischen Erfindungsreichtum keinen Zwang an. Hat doch Allan z.B. so wichtige Politgrößen wie Franco, Mao Tse Tung, Churchill, Truman und sogar Stalin persönlich kennengelernt. Dass er als Selfmade-Sprengstoffexperte Robert Oppenheimer beim Bau der Atombombe behilflich ist und diese auch Stalin verschafft, ist Höhepunkt dieser dreisten Lügengeschichte, die in Schweden 2009 zum erfolgreichsten Buch des Jahres wurde. (Übers.: Wibke Kuhn) ![]() 568174 Kallio, Katja: Durch den plötzlichen Tod des gemeinsamen Vaters werden vier Menschen, die sich bisher nicht kannten, zu Geschwistern. Katariina ist verheiratet mit Olli und hat eine kleine Tochter. Eines Tages erfährt sie von der Polizei, dass ihr Vater gestorben ist, allein in einem Hotelzimmer. Der Vater hatte die Familie verlassen, als Katariina zwei Jahre alt war, und sie hat ihn seitdem nicht mehr gesehen. Ihre Irritation nimmt noch zu, als sie erfährt, dass sie drei Halbgeschwister hat, alle von anderen Müttern, und die beiden Schwestern heißen ebenfalls Katariina. Sie selbst ist die Älteste und fühlt sich ungewollt verantwortlich. Etwas widerwillig lädt sie die Geschwister ein und organisiert die Beerdigung. - Die Autorin hat hier eine sehr interessante Konstellation konstruiert. Die Verunsicherung der Menschen, die auf einmal durch den gemeinsamen Vater verbunden sind, ist beinahe mit den Händen greifbar. Geschickt wechselt die Autorin zwischen den einzelnen Figuren, lässt auch Olli zu Wort kommen und die vom Vater verlassenen Frauen sowie dessen Freunde, wenn auch die älteste Katariina immer die Hauptfigur des Romans bleibt und ihre Beziehung zu Olli im Mittelpunkt steht. Kluge Betrachtungen über das Leben allgemein und treffende Beschreibungen der verschiedenen Charaktere sind die Stärken dieses Romans, der überall empfohlen werden kann. (Übers.: Alexandra Stang) ![]() 349829 Kermani, Navid: Ein aus philosophischen und literarischen Reflexionen, biographischen Erinnerungen und Totenklagen komponierter Roman über die Entstehung eines Romans. Das neue, sich tief hinein in biographische Erinnerungen, Alltagsbeobachtungen, theoretische Reflexionen über Orient und Okzident verzweigende Werk des iranisch-deutschen Autors in eine 'Schublade' zu stecken, fällt sehr schwer. Der Verlag annonciert das Buch als einen Roman, erfasst damit aber nur einen Aspekt des Buches. Der Autor spielt hier vor allem mit seinen verschiedenen eigenen Identitäten. Wenn er einen Roman schreiben würde, denkt der Orientalist Kermani mehrfach, würde der Schriftsteller Kermani dies und das in literarischer Form wiedergeben. Und wo er seinen sehr persönlichen, ja intimen Alltag in tagebuchähnlichen Aufzeichnungen protokolliert, unterbricht der Wissenschaftler manchmal abrupt den literarischen Chronisten. Sehr kluge und persönlich mitfühlende Nachrufe auf nahestehende Menschen werden ergänzt durch die Schilderungen diverser privater Malaisen. Aber Kermani temperiert alles sehr gekonnt und nicht ohne lakonischen Witz. "Bevor er die Vereinten Nationen anruft, bezieht er allerdings die Betten..." Wer eine durchgehende Erzählhandlung in diesem 'Roman' erwartet, wird in seinen Erwartungen ständig provoziert. Andererseits besitzt das Buch durchaus einen Erzählfluss, der den Leser ohne längere Perioden der Langeweile durch das mehr als tausendseitige Epos trägt. Kermani ist zu intelligent, um uns mit zu aufdringlichen privaten Stories zu belästigen, und zu phantasiereich, um uns mit akademischen Abhandlungen etwa über Kunstwerke der Renaissance die Lektüre zu erschweren. Wer vor der Dimension des Wälzers nicht zurückschreckt und bereit ist, seine herkömmlichen Vorstellungen von einem Roman erschüttern zu lassen, kann sich auf eine in jeder Hinsicht intellektuell anregende lange Lektürereise freuen. ![]() 569706 Klüssendorf, Angelika: Ein Mädchen setzt sich gegen die Willkür seiner alkoholkranken Mutter zur Wehr. Ein 12-jähriges Mädchen wächst zusammen mit seinem 6-jährigen Bruder bei der alkoholkranken Mutter auf, deren willkürlichen Züchtigungen die verwahrlosten Kinder schutzlos ausgeliefert sind. Schon lange stiehlt das Mädchen, um für sich und den Bruder zu sorgen. Nachdem der Vater kurz wieder bei ihnen gewohnt hat und die Mutter schwanger zurücklässt, spitzt sich die Lage zu, denn die Mutter lässt ihren Zorn auf den Vater an den Kindern aus. Während der Junge die Angriffe erträgt, beginnt das Mädchen sich zu wehren und es verlässt immer öfter sein Zuhause auch über Nacht, bis es schließlich in ein Heim kommt. Seine Hoffnungen auf ein besseres Leben schöpft es aus Tagträumen. - Klüssendorfs kurze analytische Sprache mit ihren prägnanten Sätzen, die ohne Abschweifungen auskommt, passt sich dem Inhalt des Romans und dem zu keinen liebevollen Gefühlen fähigen Figuren an. Ein realistischer Roman, der die scheinbar ausweglose Situation der Figuren schonungslos beschreibt. ![]() 345233 Knecht, Doris: Der erfolgreiche Mittdreißiger John Gruber wird von einem Tumor in seinem Bauch aus der Bahn geworfen. Der Wiener John Gruber sieht gut aus und hat es beruflich und finanziell weit gebracht. Gleichzeitig ist er jedoch ein Scheusal, serviert Frauen nach kürzester Zeit ab, prügelt sich gelegentlich, trinkt exzessiv Alkohol, konsumiert Drogen und bringt seine Umwelt auf die ruppigste Art und Weise zur Verzweiflung, indem er auf jeden Fehler und jede Ungenauigkeit penibel aufmerksam macht. Auch die Berliner DJane Sarah Vogel scheint eine kurze Angelegenheit für Gruber zu werden. Sie liest ihm jedoch einen Brief aus dem Krankenhaus vor, den er sich nicht zu öffnen traut: Er hat einen bösartigen Tumor im Bauch. Seine Welt gerät ins Wanken. Plötzlich bröckelt der Panzer aus Zynismus und Widerborstigkeit und John muss sich Schwächen eingestehen. Dass Sarah seine Welt zu diesem Zeitpunkt betreten hat, kann kein Zufall sein. Gruber entdeckt, dass er sich zu Sarah mehr als nur körperlich hingezogen fühlt. Nach zahlreichen Hürden und Hindernissen gibt es ein Beinahe-Happyend. Gruber ist zwar vom Krebs geheilt, geläutert ist er gewiss nicht. - Mit Fortschreiten der Geschichte kann der Leser Gruber besser verstehen und entwickelt sogar Sympathie für ihn, als er sich u.a. geschickt und fürsorglich im Umgang mit Kindern erweist. Der Debütroman ist gewiss kein Roman für Liebhaber geschliffener Sprache. Jedoch ist die sehr umgangssprachliche Wortwahl und die eigentümliche Syntax des Krebspatienten angemessener Ausdruck seiner inneren Verfassung. Auch wenn Gruber sich stets dem wohlwollenden Leser zu entziehen droht, berührt sein Schicksal und dessen Bewältigung dennoch. Lesenswert. ![]() 349643 Koneffke, Jan: Geschichte eines pommerschen Musikers, der mit neuer Identität im Bukarest der 30er Jahre den Krieg zu überleben versucht. Von einem berühmten Pianisten aus dem Deutschen Reich nach Bukarest geschmuggelt, wechselt Felix Kannmacher seine Identität und wird zu Johann Gottwald. Zunächst wird er als "Kindermädchen" für die Tochter Virginia engagiert. Der Pianist Victor Marcu liebt seine Tochter abgöttisch. Auch Felix kann sich dem Charme des kapriziösen Mädchens nicht entziehen. Er wird zu ihrem Geschichtenerzähler. Seinen "ersten Tod" stirbt er, als Marcu ihn aus Eifersucht wegjagt. In Bukarest findet er einen Job im Spielcasino. Dort trifft er einige Jahre später Virginia wieder, die seine große unglückliche Liebe bleiben wird. Sein pommerscher Onkel Alfred, ein glühender Nazi und Botschaftsvertreter in Bukarest, erpresst ihn wegen seiner Flucht aus Deutschland und nutzt seine Dienste, bis er nach dem Putsch 1944 die Stadt verlassen muss. Zwei Jahre versteckt Felix sich in einem Kloster in den Karpaten, bevor er in das kommunistische Bukarest zurückkehrt. Er erhält einen Posten als Klavierlehrer an der Musikschule, bevor ihn die Kommunisten festnehmen. Seine Rückverwandlung in den pommerschen Emigranten hilft ihm nicht, er wird gefoltert und als Nazi zum Tode verurteilt. Doch es gelingt ihm zu fliehen und nach Wien zu gelangen, wo er Karriere als Pianist macht, bis Schmerzen in den Händen ihn zum Aufhören zwingen. Am Ende seines Lebens kehrt er noch mal nach Bukarest zurück, wo er Virginia wiedertrifft. - Die Geschichte spielt zwischen 1935 und 2001. Der Ich-Erzähler berichtet im Rückblick: "Heute kommt es mir vor, als sei meine Erinnerung eine erfundene Geschichte." Mit großer Fabulierfreude breitet der Autor ein Schicksal im unruhigen 20. Jh. aus. Die unabhängig von seinem letzten Roman "Eine nie vergessene Geschichte (BP 09/118)" zu lesende Fortsetzung der Familiensaga ist noch gelungener und verdient besondere Beachtung. ![]() 569710 Kumpfmüller, Michael: Roman einer großen Liebe: Franz Kafka und Dora Diamant. Der tuberkulosekranke Franz Kafka lernte in seinem letzten Lebensjahr während eines Erholungsaufenthalt an der Ostsee die junge Köchin Dora Diamant kennen und lieben. Aus dieser historisch verbürgten Tatsache macht der Autor mit viel Einfühlungsvermögen und Kenntnis der Biografie Kafkas eine zarte, poetische Liebesgeschichte, die abwechselnd aus der Sicht des "Doktors" und Doras erzählt wird. Dora arbeitet in einem Ferienheim für Kinder. Bei Strandspaziergängen kommen sie sich näher und beschließen, in Berlin zusammenzuwohnen. Es wird keine leichte Zeit. Kafka ist noch kaum bekannt, Geld ist knapp. Durch die hohe Inflation und viele Umzüge verschlechtert sich sein Gesundheitszustand.. Das angespannte Verhältnis zu den Eltern wird deutlich, vor allem, als die Familie beschließt, ihn in ein Sanatorium in der Nähe von Wien zu schicken. Dora folgt ihm und bleibt bei ihm bis zu seinem Tod. - Kumpfmüller beschreibt Doras Gefühlswelt mit großen Einfühlungsvermögen. Auszüge aus Kafkas Tagebüchern, den Briefen und anderen Texten werden in die Erzählung eingewoben; ebenso fiktive Briefe an ein kleines Mädchen, dem der Dichter Geschichten geschickt hat. Die echten Briefe sind verloren gegangen. Eine großartige, leise Geschichte einer Liebe; auch Lesern, die sich nicht für Kafka interessieren, sehr zu empfehlen. ![]() 349312 Kurzeck, Peter: Anrührend-melancholisches, überaus originelles, aber auch überbordendes Erinnerungsbuch, das gegen Verlust und Verschwinden von "Sein und Zeit" anschreibt. Wer den 1943 geborenen Autor Peter Kurzeck kennenlernen möchte, sollte vielleicht mit einem seiner Hörbücher anfangen, z.B. mit dem zuletzt so erfolgreichen "Ein Sommer, der bleibt" (2008). Hier erzählt er im anheimelnd hessisch gefärbten "Kurzeck-Sound" - und völlig aus dem Stegreif - über einen Sommer seiner Kindheit in Oberstaufen. Dieses Prinzip des mündlichen Erzählens findet sich in verschriftlichter Form in diesem Monumentalroman ("Vorabend" wurde 2010 in einem Zeitraum von vier Monaten im Frankfurter Literaturhaus öffentlich diktiert) wieder. Und das Thema dieses Erinnerungsbuches? Das Leben des Autors bis ins Jahr 1982 - sofern dies auf tausend Seiten Platz findet. Er erzählt von seiner Kindheit in Oberstaufen und Lollar, von Kinobesuchen und Eisdielen, Sommertagen und Wintervergnügen, von Tieren und Pflanzen und immer wieder von der Zerstörung der erinnerten Natur durch Straßen, Neubauten, Einkaufszentren. Erzählt wird von seiner Familie, seiner Frau Sibylle und seiner Tochter Carina, der er immer wieder neue Geschichten erfinden muss, von seinen Jugendfreunden, von seinem Schwager, der bei Buderus malocht, von ständigen Geld- und Schreibsorgen. Und immer wieder ist vom Verfließen der Zeit, die der Autor durch sein Erzählen zurückholen und bannen will, die Rede. Immer sind wir als Leser ganz nahe am, ja geradezu inmitten des Geschehens, sehen, spüren und hören die Menschen und Dinge, die ihn umgeben. Vollständige, durchgearbeitete Syntax würde hier nur stören. Ellipsen, Kurzsätze, Dialekteinsprengsel, jedenfalls eine entwaffnend-ungekünstelte "naive" Alltagssprache kennzeichnen den kontinuierlichen Erzählfluss, der sich keiner eigentlichen Chronologie sondern nur dem assoziativen Erinnern unterwirft. - Ein anrührend-melancholisches, überaus originelles, aber auch überbordendes Erinnerungsbuch, das wegen seines enormen Umfangs viele Leser überfordern dürfte. ![]() 568637 Laher, Ludwig: Roman über Asylbewerber. Am Anfang steht die Entehrung durch eine dreitägige Vergewaltigung von Jelena Savicevic, die im Kosovo-Serbien einer Minderheit angehört. Der Ausweg aus diesem Grauen und den psychischen Folgen scheint die Flucht nach Österreich zu sein. Die Chancen auf ein Bleiberecht nach einem solch schweren Trauma sind reell. Die Folge der Flucht sind jedoch Abschiebehaft, Hungerstreik und eine Flüchtlingspension. Das Verfahren am Bundesasylamt beginnt und endet im Ermessensspielraum der Gesetze und in der Rechtlosigkeit der Asylbewerber. - "Aber die Justiz und ihre Vertreter sind nicht aus sich selbst entstanden, sondern als demokratische Widerspiegelung eines kollektiven Bewusstseinszustandes längst entsolidarisierter Individuen." - "Verfahren" ist ein kritischer Roman über grausame Diktaturen, überforderte Demokratien und ausweglose Schicksale einzelner Asylbedürftiger in Österreich. (Deutscher Buchpreis 2011, Longlist) ![]() 349734 Lukas, Michael David: Ein jüdisches Waisenmädchen soll den letzten türkischen Sultan beraten. 1877: Das Osmanische Reich liegt politisch am Boden, die europäischen Großmächte versuchen immer mehr Einfluss zu gewinnen und das wirtschaftlich rückständige Länderkonglomerat zum Beispiel durch Eisenbahnen zu erschließen. Die Hauptstadt Istanbul ist wie seit alters ein faszinierender Schmelztiegel der Völker und Kulturen. Gruppen der gebildeten türkischen Oberschicht drängen nach politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. In dieser Zeit wächst in Constanza am Schwarzen Meer die überaus sprachbegabte Halbwaise Eleonora Cohen bei ihrem Vater auf. In der Schiffsladung versteckt folgt sie ihrem Vater, als der zu einer Geschäftsreise nach Istanbul aufbricht. Bei einer Schiffsexplosion kommt er zu Tode. Sein Geschäftsfreund, ein adeliger Türke, lässt das sehr gebildete Waisenkind bei sich wohnen und sorgt sogar für weitere Ausbildung durch einen Briten, der möglicherweise ein Spion ist. Eleonora ist vom (brüchigen) Glanz der Metropole fasziniert. Die Kunde ihrer Gelehrsamkeit dringt bis ins Topkapi Serail, den Sitz des Sultans. Abdülhamid II. ist von dem achtjährigen Mädchen und seinem Wissen bezaubert und will sie in seine Nähe holen. Doch als die Palastkutsche kommt, findet niemand mehr das Mädchen. - Über dem ganzen Roman liegt ein Duft von Zimt und Rosen, in den sich die Gerüche des technischen Zeitalters drängen. Stambul ist noch der Inbegriff des Orients. Lukas beschwört noch einmal dessen Glanz und Faszination auf Europäer herauf. Und rückt damit auch das Bild zurecht, das die heutigen Türken selbst - infolge der kemalistischen Abkehr von der Vergangenheit - von den Zeiten des Osmanischen Reichs pflegen. (Übers.: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann) ![]() 351192 Markaris, Petros: Komissar Charitos muß eine Mordserie in der Finanzkrise in Griechenland aufklären. Der Athener Kommissar Charitos steht vor privaten und dienstlichen Problemen. Die Finanzkrise Griechenlands hat auch sein Leben erfasst. Seine Tochter Katerina heiratet kirchlich, was gewisse Ausgaben nach sich zieht. Zwar sind auch in Griechenland die Banken gerettet worden, aber die Bevölkerung muss mit den gestiegenen Lebenshaltungskosten, den hinausgezögerten Renten und gekürzten Bezügen fertig werden. Diese Ungerechtigkeit erhitzt natürlich die griechischen Gemüter. So mancher mag sich denken, es müsste mal den Bankern an den Kragen gehen ... Plötzlich beginnt eine geheimnisvolle Mordserie unter Bankdirektoren, denen auf geradezu archaische Weise mit einem Schwert der Kopf abgeschlagen wird. Den Opfern ist ein Blatt mit einem großen D angeheftet. Die Behörden möchten den Morden einen terroristischen Anstrich in der Öffentlichkeit geben. Da tauchen in Athen Aufrufe eines Unbekannten auf, den Banken keine Kredite mehr zu begleichen. Charitos sieht eine Verbindung zu den Morden. - Empfehlenswerter Krimi zur Griechenlandkrise mit kleinen Schwächen, wo die Beschreibungen der Wege und Fahrten etwas übertrieben ausführlich sind. (Übers.: Michaela Prinzinger) ![]() 350122 Matar, Hisham: Spannender, hochaktueller Adoleszenzroman eines libyschen Autors, der politisches Geschehen mit einer anrührenden Liebesgeschichte verknüpft. In diesem fesselnden, überdies hochaktuellen Roman erzählt der inzwischen erwachsene Nuri el-Alfi über das Trauma seiner Kindheit und Jugend. Nach dem frühen Tod der Mutter muss er auch die Verschleppung seines Vaters, eines ehemaligen Ministers des libyschen Königs, durch die Schergen des Gaddafi-Regimes erleben. Seine verzweifelte Suche nach dem Vater und seine Versuche, die Hintergründe der Entführung aufzudecken, bleiben letztlich erfolglos, bringen im Gegenteil immer weitere verwirrende und verstörende Einzelheiten von der politischen und privaten Existenz des geliebten geheimnisvollen Vaters ans Licht. Freilich bleibt bis zum Ende hin auch vieles im Dunklen. Und so bleibt der Vater in mehrfacher Hinsicht "verschwunden", was den Jungen nicht zur Ruhe kommen lässt. "Seit seinem plötzlichen, geheimnisvollen Verschwinden hat es nicht einen Tag gegeben, an dem ich nicht nach ihm gesucht hätte..."(S.7). Dieser spannende Adoleszenzroman verquickt politisches Geschehen mit einer anrührenden, aber keinesfalls rührseligen Liebes- und Entwicklungsgeschichte. Der mehrfach mit wichtigen literarischen Preisen ausgezeichnete Autor verarbeitet in diesem sehr poetischen, aber gleichzeitig wunderbar klar formulierten Roman ganz offensichtlich in verschlüsselter Form sein eigenes Schicksal. Denn auch sein eigener Vater ist 1990 von den Schergen Gaddafis entführt und ins Gefängnis gesteckt worden, viele Schauplätze und Lebensumstände sind deckungsgleich. - Ein sehr empfehlenswerter Roman, gerade in den Zeiten der sog. "Arabellion"! (Übers.: Werner Löcher-Lawrence) ![]() 349404 Mayall, Felicitas: In ihrem 7. Fall bekommt es Kommissarin Laura Gottberg mit knallharter Erpressung und dem Mord an einem Gigolo zu tun. Als während ihrer Nachtschicht die verzweifelte Italienerin Donatella Cipriani im Präsidium auftaucht und um Hilfe bittet, weil sie mit intimen Fotos erpresst wird, lässt sich Kommissarin Laura Gottberg zunächst nur widerwillig auf den Fall ein, da sie schließlich gar nicht zuständig ist für Erpressungsfälle. Dann jedoch wird sie zu einem Toten in ein Münchener Luxushotel gerufen, bei dem es sich um den Geliebten der Italienerin handelt. Schnell stellt sich heraus, dass Donatella Cipriani, die Frau eines mächtigen italienischen Großindustriellen, auf einen Gigolo hereingefallen ist. Wie aber hängt dessen Tod mit der Erpressung zusammen? Laura Gottberg stürzt sich mit aller Kraft in den verworrenen Fall, der ihre ganze Aufmerksamkeit erfordert. Unterdessen ist ihr Freund, Commissario Angelo Guerrini, in Siena verbrecherischen Geldeintreibern auf der Spur und gerät ebenfalls in turbulente Ermittlungen. Für zusätzliche Verwirrung sorgt Guerrinis Exfrau Carlotta, die unvermittelt auftaucht und sich ihren Platz in Guerrinis Leben zurückerobern möchte. Die Fäden beider Kriminalfälle laufen in Italien zusammen, wo auch Laura und Angelo aufeinandertreffen, deren Beziehung mittlerweile einer harten Bewährungsprobe ausgesetzt ist. - Felicitas Mayall sorgt auch mit Laura Gottbergs siebtem Fall für beste Krimi-Unterhaltung, gewürzt mit einer Prise Herzflattern. ![]() 349992 Mähr, Christian: Zwei exzentrische Vorarlberger sorgen für makabre Abwechslung im friedlichen Dornbirner Kleinstadtleben. Die beschauliche Stadt Dornbirn hat, wie so viele andere Provinzstädte auch, nicht nur ehrbare Bürger. Auch hier gibt es Lug und Betrug, ja sogar Drogenproduktion. Frau Leupold, Chemielehrerin im Ruhestand, betreibt in ihrem Haus gemeinsam mit ihrem Enkel Manfredo ein einträgliches Drogenlabor. Eines Tages stürzt sie beim Auswechseln einer Glühbirne so unglücklich, dass sie dabei ums Leben kommt. Die Leiche von Frau Leupold bleibt liegen, bis Manfredo, der die meiste Zeit in Wien ist, wo er seine Kontakte zur Drogen-Mafia pflegt, wieder einmal daheim ist. Aber Manfredo holt nicht die Polizei, sondern seinen Freund Nowak, einen Chemiker. Der soll jetzt das Drogenlabor weiterbetreiben, was er auch gerne macht, denn er sieht dabei seine Chance, nebenbei ein von ihm erfundenes Krebs-Präparat fertig zu entwickeln. Die Leiche von Frau Leupold stecken die beiden in die Tiefkühltruhe. Nowak sieht sich schon als Nobelpreisträger, doch erst einmal muss er sein Fachwissen zur Beseitigung der Schnüffler von der Drogenmafia einsetzen, sogar ein Wiener Drogenboss wird Opfer der beiden exzentrischen Vorarlberger. Bald zeigt sich, dass im idyllischen Dornbirn noch mehr Kühltruhen benötigt werden... - In seinem neuesten Roman beschäftigt sich der Vorarlberger Autor mit den Tugenden und Schwächen der Menschen, vor allem aber mit dem Bösen in ihnen. Neben dem Blick in die Seelentiefen und -untiefen seiner obskuren Figuren erfährt man aber auch einiges über das Miteinander der Personen, denn Mähr kann spannungsreiche Dramaturgie und Milieu-Beobachtung glänzend miteinander verbinden. Seine herrlich groteske Parabel glänzt mit halsbrecherischem Handlungsverlauf, guten Dialogen, schrägem Humor und sarkastischer Gesellschaftskritik. Ein außergewöhnlicher Lesespaß, intelligent und unterhaltsam. ![]() 349989 Mégnin, Jean-Philippe: Eine leise und tragische Liebesgeschichte für alle Bergverliebten. Die Buchhändlerin Marion erzählt tagebuchartig die Geschichte ihrer Liebe in und zu den Bergen: Sie zieht mit 24 Jahren aus ihrer Heimat Annecy weg und kauft sich in Chamonix, mitten in den Alpen, eine kleine Buchhandlung. Der junge Bergführer Pierre kommt immer öfter zu ihr, um in Büchern zu schmökern, sich mit ihr anzufreunden und sie schließlich zum Bergsteigen mit ihm zu animieren. Dabei verliebt sie sich in ihn, sie heiraten, können aber keine Kinder bekommen und entfremden sich deshalb allmählich wieder, bis jeder von beiden wieder sein eigenes einsames Leben zwischen den Bücherregalen oder zwischen den Felshängen und Gletscherspalten führt ... - Diese zarte und dann doch überraschend abrupt im ewigen Eis endende Liebesgeschichte wird in diesem Debütroman des französischen Autors sehr leise in klarer und einfacher Sprache erzählt und reißt den Leser mit in die Strudel der immer unberechenbar verlaufenden Linien der Liebe unter Menschen. Für Liebhaber zarter, aber doch realistischer Liebestragödien eine sinnvolle und lesenswerte kleine Geschichte, die vor allem auch wegen ihrer zarten Sprache zu empfehlen ist. (Übers.: Claudia Steinitz) ![]() 350204 Röhrig, Tilman: Intrigenspiel um Kurfürst Clemens August, Erzbischof von Köln. Welche Neigungen bewegen wohl Clemens August, Erzbischof von Köln und Kurfürst, was Herrn von Roll betrifft, dem er sich in enger Freundschaft verbunden fühlt? Dieser stirbt bei einem Duell. Clemens August, der feinsinnige, musikalische Kunstförderer und verschwenderische Bauherr, wird in Verbindung mit von Roll Opfer einer Intrige. Er hat Feinde im Rheinland und in Bayern, gehört er doch zum Geschlecht der Wittelsbacher. Aber es gibt Frauen an seiner Seite, denen er sich anvertrauen kann und schließlich sogar Vaterfreuden erleben darf. - Tilman Röhrig schreibt einen gut recherchierten historischen Roman, der diesmal allerdings nicht fesselt. Schon nach wenigen Seiten packt den Lesenden die Langeweile. Die Entwicklungen sind allzu vorhersehbar, und das Ende der Geschichte ist mit Clemens Augusts Vaterschaft zu plakativ. Die Forstsetzung spannender Bestseller gelingt T. Röhrig diesmal nicht. Bei Nachfrage nach "dem neuen Röhrig" möglich. ![]() 350708 Ruge, Eugen: Ein Deutschlandroman über den Verlust ideologischer Illusionen in einer ostdeutschen Familie über mehrere Generationen. Wie die Sonne gehen auch Ideologien unter. Welche Verwüstungen sie zurücklassen, beschreibt Ruges in einer herrlich frischen Sprache verfasster Roman, der in einzigartiger Weise ideologiekritischen Witz mit der Melancholie verlorener, vergeudeter Leben verbindet. Vier Generationen umfasst die episodenartig ausgebreitete Geschichte einer DDR-Familie, deren erste durch ideologische Verbohrtheit und nicht zuletzt durch die Launen des Schicksals in den Stand der sozialistischen Nomenklatura aufsteigt - ohne dabei allerdings ihre kleinbürgerlichen Attitüden aufzugeben -, bis die letzte abgestumpft sich in der bundesrepublikanischen Realität von Suff, Drogen und rechtem Milieu verliert. Die Buddenbrooks im real existierenden Sozialismus also, mit diesen nicht allein durch den Niedergang verbunden, sondern durch den Konflikt zwischen den Vorstellungen von Wirklichkeit und der nicht bewältigten Wirklichkeit selbst. Das verbietet eine klare Scheidung von Tätern und Opfern; aus einer anfänglichen Fehlorientierung, so schildert es Ruge, wird eine tiefe Orientierungslosigkeit, die Alexander, den todkranken Protagonisten der vorletzten Generation, hilflos in der Lebensgeschichte seiner Eltern und Großeltern suchen lässt. Mehr als bruchstückhafte Erinnerungen, gar Sinn erbringt diese Suche nicht. So bleibt nach dem Vorübergang der Systeme - auch das westliche erscheint fragwürdig - nur die Sehnsucht nach dem gelungenen Leben. - Unbedingt lesenswert. ![]() 345630 Shteyngart, Gary: Satirischer Liebesroman über einen Büchernarren und eine junge Koreanerin in den USA kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Lenny Abramov ist der 39-jährige Sohn russischer Immigranten in die USA. Er liebt Bücher, ist Tagebuchschreiber und ihn lässt es gleichgültig, dass der Zahn der Zeit inzwischen an ihm nagt, obwohl er als Angestellter der Posthumanen Dienstleistungen "VPPs", also vermögenden Privatpersonen, ewige Jugend gewinnbringend schmackhaft machen soll. Eines Tages lernt er die 24-jährige Eunice Park, Tochter koreanischer Immigranten, bei einem einjährigen dienstlichen Aufenthalt in Rom kennen und ist verzaubert von ihr. Als beide wieder in die USA zurückkehren, hat sich das Land verändert: Die ARR, die Amerikanische Restaurationsregierung hat das Land heruntergewirtschaftet, China dominiert die Wirtschaft, Aufstände brechen los, die gewaltsam unterdrückt werden. Jeder Bürger verfügt über einen sogenannten "Äppärät", mit dem man nicht nur Textnachrichten und Filme verschicken, sondern auch seine Mitmenschen auf Kreditwürdigkeit, Gesprächs- und sogar Paarungsbereitschaft prüfen kann. Lenny kennt sich nicht mehr aus. Er ist ein analoges Wesen in einer digitalen Welt und wird verachtet, weil er "gedruckte, nicht streambare Medienerzeugnisse", also Bücher liest. Sein Vorgesetzter Joshie setzt ihn mehr und mehr unter Druck. Eunice zieht bei dem vermögenden Lenny ein und lernt seine Liebe zu Büchern zu verstehen. Doch in diesem Klima hat die Liebe kaum eine Chance. - Shteyngart zeigt in seinem Roman ein düsteres Zukunftsbild ohne Privatsphäre, ohne wirkliche Gefühle, mit dem falschem Ideal ewiger Jugend. Lenny ist menschlich. Das macht ihn sympathisch. Wenngleich Shteyngarts Darstellungen an vielen Stellen überzogen sind, sind viele seiner Visionen inzwischen erschreckend real geworden. Der Roman bietet neben witziger Unterhaltung zugleich nachdenklich stimmendem Kulturpessimismus und somit reichlich Diskussionsstoff. Empfehlenswert. (Übers.: Ingo Herzke) ![]() 350364 Skomsvold, Kjersti A.: Sehr zärtlich wird das Bild einer einsamen alten Dame gezeichnet, die wieder in das Leben finden will. Mathea Martinsen erzählt von ihren Versuchen, nach dem Tod ihres Mannes Epsilon (den der Leser erst allmählich mitbekommt!) ihre verbleibende Lebenszeit in ihrer kleinen Wohnung sinnvoll zu nutzen. Sie vergräbt eine "Zeitkapsel" mit ihrem Hochzeitskleid und selbstgestrickten Ohrwärmern im Garten, um ihr Andenken für die Nachwelt zu bewahren. Sie meidet die Mitbewohner ihrer Wohnanlage und geht schüchtern kaum aus ihrem Haus, um ja niemand anreden zu müssen. Sie überlegt sich lange, ob sie die Einladung zu einem Kommunikationsfest in der Siedlung annehmen und was sie mitbringen soll. Ihre - oft recht schrulligen - Ideen hält sie immer für gut, wenn sie sich reimen. Sie ist eine liebenswerte, den Leser tief berührende alte Dame mit viel Humor, die manches Lustige und Besinnliche aus ihrem Leben mit dem auf Statistik versessenen Ehemann Epsilon erzählt und die es nach seinem Tod noch einmal wissen will. Man kann ihr trotz mancher ausgefallenen Idee nicht böse sein. - Die jugendliche Erzählerin (*1979) legt mit ihrer einfachen, doch mitreißenden Erzählweise einen Debütroman von großer Reife vor, den man als tröstliches Porträt älterer Menschen auch jungen Lesern empfehlen kann. Für Büchereien sehr zu empfehlen. (Übers.: Ursel Allenstein) ![]() 568484 Steiner, Jens: Jugendjahre auf der Flucht vor sich selbst und den übergroßen Anforderungen. Emma und ihr jüngerer Bruder Werner wachsen bei ihrer Mutter Lili auf, die in der Schweiz ein unstetes Leben als Kellnerin führt. Die Kinder sind sich weitgehend selbst überlassen. Deshalb versucht Emma quasi die Mutterrolle zu übernehmen. Was sie überfordert, so dass sie sich in Selbstverletzungen flüchtet. Kontakte zu Klassenkameraden zerbrechen wegen der häufigen Ortswechsel. Werner stromert durch die Hotels, während Emma sich immer mehr in sich selbst zurückzieht. In St. Moritz lernen sie den Nachbarn Richard kennen, der offenbar die Mutter liebt, aber dennoch unerwartet verschwindet. Kurz danach kommt Werner ums Leben. Ein Zeitsprung um mehrere Jahre: In spanischen Touristenorten taucht mit anderen Jugendlichen ein Mädchen Katinka auf, das sich als Emma entpuppt. Über Umwege gerät sie auf die Insel Serifos, wo sie Richard als Aussteiger wiederfindet. Währenddessen erkrankt und verstirbt Lili; in einem Müllbeutel trägt Emma die Habe ihrer Mutter weg. - Weggehen, fliehen - in allen Varianten. Weder Mutter noch Tochter stellen sich den Herausforderungen ihres Daseins. Fühlen sie sich in irgendeiner Weise bedroht oder auch nur zu viel Nähe, treten sie sofort den Rückzug an. Der Autor schildert minutiös die Innenwelt der Protagonistinnen durch Beschreibungen oft ganz banaler Handlungsdetails und stellt so ihre Wahrnehmungen, ihre Lebensträume, ihre Gefühle und Reaktionen gegenüber den wenigen Fixpunkten ihres Lebens dar. ![]() 349827 Trojanow, Ilija: Sprachlich und inhaltlich dichter Roman über die Leidenschaft eines Klimatologen und über sein Leiden an der Ignoranz seiner Mitmenschen. Zeno ist Glaziologe, seine ganze Leidenschaft gehört den Alpengletschern. Er erlebt das Sterben der Gletscher dort aus nächster Nähe und leidet daran, dass der Klimawandel unaufhaltbar scheint und die Menschen, weil sie auf die "schweinehündische Stimme der Bequemlichkeit hören", nicht ruhen werden, "bis sie alles verbraucht verdreckt verschwendet vernichtet haben". Für Zeno sind die kümmerlichen Eisreste zu einem Spiegel unser aller grober Fahrlässigkeit geworden. Er fühlt sich zunehmend überflüssig, und als er das Angebot bekommt, auf einem Kreuzfahrtschiff in die Antarktis als Experte mitzufahren, nimmt er an und erläutert nun den Touristen die Schönheit und Formenvielfalt des Eises, erklärt seine Entstehung, aber auch seine Verletzlichkeit. Die Antarktis scheint ein letzter geschützter Ort, aber auch er ist bedroht von der Gedankenlosigkeit der Menschen. Zenos Leidenschaft wird zur Besessenheit und nimmt zwanghafte Züge an, die ihn letztlich dazu bringen, das Schiff zu kapern. - Zeno berichtet in der Ich-Form über seine Zeit an Bord. In langen, quasi von selbst laufenden, mühelosen Sätzen erzählt er über die Begegnungen mit den Besatzungsmitgliedern und den Touristen, streut Rückblicke ein und Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend, seine Zeit als Forscher und an seine erste Ehe. Die Sprache ist gekennzeichnet von treffenden Formulierungen und neu gefundenen, schönen, eigenwilligen, sprachlich aber sehr griffigen und im Zusammenhang aussagekräftigen Wortschöpfungen, wie etwa leidmütig, wortfasten, emseln. Dieses Spiel mit der Sprache gelingt durchgehend und ist überaus überzeugend. Über die Figur des Protagonisten gelingt dem Autor zudem insgesamt eine beeindruckende Kritik an der Ruhelosigkeit, Respektlosigkeit, Gier und allgemeinen Rücksichtslosigkeit der die Natur zerstörenden Menschheit. Lektüre mit hohem literarischem Anspruch. ![]() 349739 Wells, Benedict: Ein 18-Jähriger macht sich auf die Suche nach seinem Vater. Francis Dean haust mit seiner psychisch schwer angeschlagenen Mutter in einem heruntergekommenen Trailerpark in New Jersey. Bei einem Selbstmordversuch erfährt er von ihr, dass sie mit ihm schwanger wurde, als sie in Kalifornien an einem Versuch, das Erbgut genialer Menschen weiterzugeben, teilnahm. Der Samenspender soll ein bedeutender Wissenschaftler sein. Mit seinem Freund Grover, einem hochbegabten Außenseiter, und der labilen Anne-May, die er in der psychiatrischen Klinik kennengelernt hat, macht er sich auf einen Trip zur Westküste. Eine Station auf dem Weg ist Las Vegas, wo Dean sich vom Roulette faszinieren lässt. Über etliche Umwege stößt Dean in Mexiko auf seinen Vater. Eine enttäuschende Begegnung. Auf dem Rückweg versucht er nochmals sein Glück am Spieltisch, als spielte er um sein Leben ... - Der junge Autor hat in den Rouletteszenen eine ansprechende Metapher für das Leben seines Protagonisten gefunden, in dem es keine der gängigen Konstanten gibt. Selbst der Traum, mit herausragendem Erbgut ausgestattet zu sein, ist zerplatzt. In klarliniger Sprache und reduziert auf die notwendigen Episoden, trägt der Roman dazu bei, in der Diskussion um genetische Eingriffe menschliche Töne anzuschlagen und der Frage nach dem Lebensschicksal betroffener Menschen gebührend Platz zu geben. Breit einsetzbar! ![]() 350418 Pippilothek??? Der Aufenthalt in einer Bibliothek macht einen hungrigen Fuchs langsam aber sicher zu einem begeisterten Bücherfreund. Gerade hat die kleine Maus noch die Abendstille genossen, schon ist sie auf der Flucht vor dem hungrigen Fuchs. Die wilde Verfolgungsjagd endet ausgerechnet in einer Bibliothek. Während der Fuchs von einer Institution mit einem so komplizierten Namen noch nie etwas gehört hat, ist die Maus als alte Bücherfreundin sofort in ihrem Element. Um den Fuchs auf andere Gedanken zu bringen, versorgt sie ihn mit einem Bilderbuch über Hühner und ist froh, als er endlich verschwindet. Doch am nächsten Abend ist der Fuchs schon wieder da. Die Hühnergeschichte lässt ihn einfach nicht los. Weil er nicht lesen kann, empfiehlt ihm die Maus das passende Hörbuch, mit dem er zufrieden von dannen schleicht. Doch wer einmal eine Bibliothek genutzt hat, kommt offensichtlich nicht mehr davon los. So geht es zumindest dem Fuchs, der nach erfolgreicher Hühnerjagd zurückkehrt und nachschlagen möchte, ob steckengebliebene Hühnerknochen wirklich so gefährlich sind, wie ihm das seine Beute weisgemacht hat. Das gefangene Huhn muss ihm vorlesen, und das tut es offensichtlich so gut, dass dem Fuchs tatsächlich der Appetit vergeht. Am Ende der spannenden Geschichte sind die beiden dank vieler gemeinsamer Leseerlebnisse fast Freunde geworden. Der Fuchs darf sogar darauf hoffen, nun endlich selbst das Lesen zu lernen. - Das neue Bilderbuch von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer ist nicht nur eine liebenswerte und fröhliche Tiergeschichte, sondern gleichzeitig auch die beste Werbung für Bibliotheken, die man sich nur denken kann. Wie es der Schweizer Bilderbuchkünstlerin mit wenigen Strichen gelingt, jedem ihrer Helden einen ganz individuellen Charakter zu verleihen, wie sie immer wieder neue interessante Perspektiven findet und wie sie auch den weißen oder schwarzen Hintergrund immer wieder effektvoll für die Bildgestaltung nutzt, das ist auch in ihrem neuesten Bilderbuch absolut sehenswert. ![]() 349139 Connolly, John: Der vorwitzige Samuel entdeckt, wie seine Nachbarn in ihrem Keller ein Portal zur Hölle öffnen. Samuel ist 11 Jahre alt und sieht die Welt ein bisschen anders als andere Kinder oder auch Erwachsene. Daher glaubt ihm auch niemand, als er beobachtet, wie seine Nachbarn, die Abernathys, in ihrem Keller ein Portal zur Hölle öffnen. Als es außer Kontrolle gerät, verschaffen sich vier mächtige Dämonen Zutritt zur Erde. Sie wollen die Ankunft des Satan vorbereiten. Samuel ist ihnen dabei ein Dorn im Auge und sie schicken ihm mehrere Monster auf den Hals, die ihn zum Schweigen bringen sollen. Doch Samuel weiß sich zu wehren. Zusammen mit seinem Dackel Boswell und seinen Freunden Tom und Maria heckt er einen Plan aus, das Portal zu schließen. Hilfe bekommt er dabei auch von unverhoffter Seite: der vorlaute Dämon Nurd hat nämlich sein eigenes Süppchen mit der Dämonensippschaft zu kochen. - Ein witziger Fantasyroman mit Anklängen an die beliebte Bartimäus-Reihe von Jonathan Stroud. Zweifellos schwimmt dieses Werk im Kielwasser des Welterfolgs, was nicht nur die wiederkehrenden Fußnoten, sondern auch der gewitzte Dämon Nurd belegen. Allerdings steht hier klar der junge Samuel im Vordergrund der Geschichte. Eine abenteuerliche Geschichte, wenn auch mit wenig Neuigkeiten im Fantasy-Genre. (Übers.: Petra Koob-Pawis) ![]() 351321 Weber, Benedikt: Merlin, seine Freunde Charlotte und Fips, überführen mit Hilfe ihres kleinen Hundes einen Heiratsschwindler, der es auf das Vermögen seiner Tante abgesehen hat. Merlin und seine Freundin Charlotte finden in einem Müllcontainer einen süßen, kleinen weißen Hund mit schwarzer Pfote. Da auf dem Karton, in dem der Kleine sitzt, "Hugo" steht, hat er auch direkt seinen Namen weg. Merlin nimmt ihn mit nach Hause, obwohl er keinen Hund haben darf. In den ersten Tagen, in denen er ihn verstecken und mit in die Schule nehmen muss, passieren viele kleine lustige Schlamassel. Da Hugo nicht nur süß, sondern auch sehr schlau ist, hilft er Merlin, Charlotte und deren Freund Fips, einen Heiratsschwindler zu überführen. Nach der erfolgreichen Aufklärung ihres ersten Falles gründen die vier den Detektivclub "Die schwarze Pfote". Der zweite Fall ("Geld oder Leben") ist bereits erschienen. - Benedikt Weber, der bisher eher aus Kinder- und Jugendsendungen im TV bekannt war, hat hier einen nicht nur spannenden, sondern auch sehr lustigen Kinderkrimi geschrieben. Einzig störend ist die klischeehafte Beschreibung von Merlins übergewichtigem Freund Fips, der - natürlich - ständig auf der Suche nach etwas Essbarem ist. Schade. Ansonsten ein sehr nettes Buch! ![]() 350543 Orlev, Uri: Eine durch den Zweiten Weltkrieg und Judenverfolgung bedingte Kindheit in Kasachstan, Flucht und Neubeginn in Palästina. Eljuscha ist noch ein kleiner Junge, als seine Familie 1941 aus Kostopol in der Ukraine vor der deutschen Wehrmacht und der Judenverfolgung der Nazis fliehen muss. Die Familie wird getrennt. Eljuscha, seine Mutter und seine Geschwister leben mehrere Jahre in Kasachstan, der Vater geht zur Armee. Von nun an ist im Leben Eljuschas nichts mehr wie bisher. Harte und abenteuerliche Zeiten beginnen, in denen Eljuscha viel Verantwortung zu übernehmen lernt und mit seinen neuen kasachischen Freunden zusammenwächst. Nachdem die Rückkehr des Vaters ausbleibt, wandert die Familie nach Palästina aus. Nach erneuter Trennung, Eljuscha lebt zunächst von seiner Familie getrennt in einem Kibbuz, kommt die ganze Familie wieder zusammen und ein neues Leben im gerade neu gegründeten Saat Israel beginnt. - Uri Orlev erzählt hier aus der Perspektive des kleinen Eljuscha eine wahre Lebensgeschichte nach. In der klaren Sprache eines Kindes wird sehr schnell verständlich und deutlich, welche Auswirkungen die Wirren und Schrecken des Zweiten Weltkriegs auf das Leben von Kindern hatten. Ein beeindruckender Titel, der das scheinbar schon so weit zurückliegende ganz nah an den Leser bringt. Für historisch interessierte Jugendliche breit zu empfehlen. (Übers.: Mirjam Pressler) ![]() 350517 Völler, Eva: Eine rote Gondel, eine kurze Bewusstlosigkeit und Anna findet sich im Venedig des 15. Jh. in einem spannenden Abenteuer wieder. Im Venedig-Urlaub fährt Anna mit einer roten Gondel nichts ahnend geradewegs in die Vergangenheit. Im 15. Jahrhundert muss sie eine Aufgabe erfüllen, welche das ist, weiß sie allerdings nicht. Nur eins ist sicher: Sie hat es mit mächtigen Feinden zu tun. Dann sind da noch die geheimnisvolle Clarissa, ein mysteriöser Einäugiger und der gut aussehende Sebastiano. Anna findet in ihm nicht nur ihre große Liebe, mit Sebastiano an ihrer Seite kann sie Venedig vor dem Untergang bewahren. - Dieses Buch bietet alles, was ein toller Roman für junge Mädchen braucht: Spannung, Atmosphäre, Gefühl und Liebe. Die Charaktere und die verwobene Handlung sind absolut gelungen dargestellt. Das hervorragend beschriebene Venedig des 15. Jahrhunderts mit all seinen Gerüchen, Geheimnissen und Gefahren sorgt für eine einzigartige Kulisse. Sehr zu empfehlen. Sie können jedes der hier besprochenen Bücher wie gewohnt über ihren jeweiligen Büchereiverband bestellen. Am einfachsten ist es über das nachfolgende E-Mail-Bestellformular. Dazu klicken Sie bitte den für Sie zutreffenden Button an. Natürlich können Sie uns Ihre Bestellung auch schriftlich, per Fax oder telefonisch zuleiten. Nennen Sie dabei bitte Kurztitel und Mediennummer. |
| Zurück zur Startseite |