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Juni 2010 |
Sachbücher: ![]() 565553 Ceylan, Rauf: Imame in Deutschland: was sie denken und wie sie arbeiten. Wenn vom Islam und den Muslimen in Deutschland die Rede ist, werden gelegentlich auch die Imame erwähnt, ohne dass sich die meisten eine genauere Vorstellung von der Tätigkeit dieser islamischen Prediger machen können. Diesem Manko hilft das Buch eines in Deutschland lebenden Muslim ab, der islamische Religionspädagogik in Osnabrück lehrt und auch Imame ausbildet. Zunächst beschreibt er den Tagesverlauf eines Imam, der eigentlich 24 Stunden tätig sein müsste, wenn er alle seine Aufgaben erfüllen wollte: Morgengebet, Unterricht für Kinder in der Moschee, Mittagsgebet, Gespräch mit älteren Gemeindemitgliedern, Nachmittag- und Abendgebet, Gespräch mit der Gemeinde, Hausbesuche (einmal wöchentlich), Nachtgebet, gegen Mitternacht Nachtruhe. Dann zeichnet Ceylan in diesem aufschlussreichen Buch kurz den Ausbildungsgang und die Aufgabenbereiche eines Imam nach. Der interessanteste Teil ist der Bericht von Gesprächen mit Imamen unterschiedlicher Organisationen und Gruppen, als da sind: traditionell-konservative, traditionell-defensive, intellektuelle und auch eher revolutionäre und zum Dschihad neigenden Imame. Zum Schluss beschreibt er, welch große Probleme die Imam-Importe aus der Türkei nach Deutschland mit sich bringen und wie er sich eine Imamausbildung vorstellt, die sowohl dem Islam wie dem deutschen Grundgesetz entspricht. Mit Sicherheit wird von der Ausbildung der Imame für die Integration der Muslime in Deutschland viel abhängen, da die Imame eine zentrale Rolle in diesem Prozess spielen. Das Buch sollte eine breite Diskussion auslösen. Empfehlenswert für religiös und politisch interessierte Leser. ![]() 328013 Grün, Anselm: Authentische Fragen und Antworten, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen über Lebens- und Glaubensfragen. Die hintergründige Umschlaggestaltung - eine kleine Giraffe blickt senkrecht hoch zu einer ausgewachsenen - bringt es auf den Punkt: es geht darum, Kinder bzw. Jugendliche "groß zu machen". Da bedeutet also Erwachsen-Werden nicht nur den biologischen Prozess, die Akzeptanz der Veränderungen der Pubertät, sondern: den Heranwachsenden im Blick zu haben und mit ihm zusammen einen Weg für ihn zu suchen und zu finden. So nimmt den Hauptteil des gebundenen Buches - nach drei einleitenden Kapiteln über die Schritte des Erwachsenwerdens bzw. seine Weigerung und Herausforderungen - das Eingehen auf Anfragen von jungen Christen ein. Der bekannte Autor hat in seiner langjährigen Begleitung Jugendlicher solche teilweise sehr kritischen Fragen gesammelt. Sie spiegeln die jugendliche Lebens- und Glaubenswirklichkeit sehr authentisch wider und werden hier zusammen mit Anselms Grün Antworten präsentiert. Daran anschließend fasst der Autor noch einmal die Bedeutung des Glaubens als Lebenshilfe auch und gerade für junge Menschen zusammen. Für diese, aber auch ihre Eltern und Begleiter ist das Buch sehr zu empfehlen! ![]() 326105 Schmitt-Kilian, Jörg: Praxisnahe Tipps zur Eindämmung von Jugendgewalt. Was kann getan werden, um die zunehmende Gewalt von Kindern und Jugendlichen untereinander und gegen Erwachsene einzudämmen? Der Autor, als Kriminalhauptkommissar ständig mit diesen Gewalttaten konfrontiert, beschreibt nicht nur die verschiedenen Ursachen und Formen der Gewalt vom Ausgrenzen bis zum Zuschlagen, sondern gibt auch zahlreiche Hinweise auf Verdachtsmomente, um z.B. einen geplanten Amoklauf verhindern zu können. Vor allem aber sucht er die Ursachen nicht in der frühkindlichen Phase, sondern geht von den aktuellen Motiven und Lernstrukturen und von den realen Bedürfnissen und Einstellungen der Jugendlichen aus, die hinter dem Gewaltverhalten zu erkennen sind, und versucht durch konsequentes Verhalten, durch Rollenspiele, Perspektiven- und Bewusstseinsänderung, Anti-Aggressivitäts-Training und anderes mehr präventiv zu wirken. - Die zahlreichen Tipps können für Lehrer und Eltern und alle, die mit Jugendgewalt zu tun haben, eine große Hilfestellung sein. Das Buch verdient deshalb weite Verbreitung. ![]() 326106 Bannenberg, Britta: Ratgeber für Eltern und Lehrer zum Umgang mit potentiellen jugendlichen Gewalttätern. Das Thema Amoklauf ist seit den schrecklichen Fällen von Erfurt und Winnenden in aller Munde. Tatsächlich hat die Gesellschaft ein falsches Verständnis von diesem Begriff, wenn sie damit eine unvorhersehbare Katastrophe bezeichnet. Die renommierte Professorin für Kriminologie und Spezialistin für Gewalt an Schulen geht davon aus, dass solche Gewalttaten verhindert werden können, wenn nur das nähere soziale Umfeld und die Gesellschaft aufmerksamer auf die deutlichen Anzeichen werden und dann auch aktiv Gewaltprävention betreiben. Typische Merkmale solcher Täter sind Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen, wenig soziale Anerkennung, nicht selten eine direkte Ablehnung durch das weibliche Geschlecht. Daraus können Minderwertigkeitsgefühle resultieren, aber auch Probleme, die männliche Rolle zu finden, was nicht selten mit einer Gewalttat überkompensiert wird, in der dann der Narzissmus und die Heldenrolle voll ausgelebt werden können. Allerdings folgt nicht automatisch jeder Tatandrohung auch ein Amoklauf, daher ist es grundsätzlich wichtig, nicht wegzuschauen und den Jugendlichen darauf aufmerksam zu machen, dass er ein problematisches Verhalten zeigt, um im Anschluss dessen soziales Umfeld zu untersuchen. In der Regel wirken die Elternhäuser auf den ersten Blick normal, erst bei genauerem Hinsehen wird klar, dass das Familienleben deutliche Risse hat. Wird ein Amoklauf angekündigt oder angedroht, ist es unerlässlich, mit dem Schüler ein intensives Gespräch zu führen, bei dem man anhand bestimmter Kriterien die weitere Vorgehensweise überlegen kann. Zur Prävention sind vor allem Eltern und Lehrer aufgerufen, die die Verantwortung übernehmen und die Jugendlichen intensiv beobachten sollten. - Ein umfassend informierendes Buch, das sich mit diesem schwierigen Thema anhand gut gewählter Beispiele und vieler konkreter Anregungen zum Umgang mit problematischen Jugendlichen beschäftigt. ![]() 326194 Jeska, Andrea: Informatives Sachbuch über Soldatinnen in der Bundeswehr. Vor einigen Jahren wurde noch über die Zulässigkeit und den Sinn des militärischen Dienstes für Frauen diskutiert. Heute ist das schon selbstverständlich. Wie es den über 16.000 Frauen mit dem Dienst in den unterschiedlichen Waffengattungen der deutschen Bundeswehr geht, beschreibt die Journalistin in Interviews. Zunächst stellt sie ihre Sicht des Themas dar und am Ende des Buches findet sich eine Beschreibung des Auftrags der Bundeswehr seit den Zeiten des "Kalten Krieges". Die persönlichen Eindrücke und Empfindungen, die die Soldatinnen vermitteln, hinterlassen beim Lesen einen ausgewogenen Eindruck, da Jeska ihren dienst weder ablehnt noch glorifiziert. Vor allem Leserinnen (vielleicht mit diesem Berufswunsch) werden über eine oberflächliche Beobachtung hinaus gut informiert. ![]() 565066 Wagener, Hans-Jürgen: Kompakte Antworten für wirtschaftswissenschaftliche Laien zum breiten Spektrum Konjunktur- und wachstumsorientierte Fragen. In bewährt kompakter Form beantwortet der emeritierte Volkswirtschaftsprofessor Hans-Jürgen Wagener Fragen rund um die Konjunktur und das Wirtschaftswachstum. Gerade in den letzten zwei Jahren sind aufgrund der weltwirtschaftlichen Turbulenzen Fragen der volkswirtschaftlichen Entwicklung wieder verstärkt in den Blick einer breiteren Öffentlichkeit gekommen. Der präzise Text gibt auf exakt 101 Fragen im Wesentlichen vernünftige und wissenschaftlich fundierte Antworten. Nach einem Einleitungsteil stehen Aspekte des Wachstums und des ökonomischen Fundaments im Zentrum. Der bis vor einigen Jahren noch vernachlässigten Institutionenökonomik wird erfreulicherweise ein eigener Abschnitt mit verschiedenen Unterthemen gewidmet. Den Abschluss bilden Fragen nach den Grenzen des Wachstums. - Ein preisgünstiges und lesenswertes Büchlein, das elementare wirtschaftswissenschaftliche Fragen sachkundig beantwortet. ![]() 325716 Piepgras, Ilka: Wiedersehen nach 20 Jahren: Ilka Piepgras trifft ihre Freundin Charlotte, die Äbtissin eines orthodoxen Klosters ist. Ein faszinierender Reisebericht aus einem unbekannten Land. Charlotte Stapenhorst, eine junge Frau aus Deutschland, trifft eine radikale Entscheidung: sie lässt ihr protestantisch geprägtes Leben hinter sich, konvertiert zum orthodoxen Glauben und tritt in Griechenland in ein Kloster ein. Zwanzig Jahre später macht sich Charlottes Jugendfreundin Ilka Piepgras auf den Weg nach Griechenland. Sie will verstehen, was ihre Freundin zu der radikalen Lebenswende bewogen hat. Ihre Reise in die Welt der griechischen Orthodoxie hat sie zu einem sehr persönlichen, vielschichtigen Buch verarbeitet. Sie zeichnet Charlottes Weg von einer Kunststudentin zur griechisch-orthodoxen Äbtissin ("Gerondissa") Diodora nach. Parallel dazu beschreibt sie ihre Auseinandersetzung mit den Fragen und Zweifeln, die der Versuch bei ihr auslöst, Charlottes Entscheidung zu verstehen. Sie begegnet einer tiefgläubigen Frau, die ihre Bestimmung gefunden hat. Diodora führt ein hartes, entbehrungsreiches Leben, in dem Erfolg, Reichtum und Unabhängigkeit keine Rolle spielen. Wichtig sind dagegen Gehorsam, Unterordnung und Verzicht - Tugenden, mit denen Piepgras große Schwierigkeiten hat. Sie ringt um Verständnis und erkennt schließlich, welchen Wert sie für die Nonnen haben. Die Begegnungen mit Diodora und anderen Nonnen führen auch dazu, dass Piepgras sich mit ihrem Glauben auseinandersetzt. Die Passagen, in denen sie ihre Leser/innen an ihrem Ringen teilhaben lässt, gehören zu den stärksten dieses Buches. Die Spannung zwischen der Entschiedenheit Diodoras und Piegras' Suche nach dem eigenen Glauben verhindert, dass man das Buch schulterzuckend beiseitelegt, weil die Superreligiosität der orthodoxen Nonne unerreichbar scheint. Priepgras' Fragen und Zweifel helfen den Leser/innen, ihre eigenen Fragen zu entdecken. Ihr sorgfältig komponiertes, eindringlich erzähltes Buch ist eine Perle, wie man sie nicht alle Tage findet. (Religiöses Buch des Monats Juni 2010) ![]() 564621 Sichtermann, Barbara: Eindrucksvolle Porträts von achtzehn Erfinderinnen aus zweieinhalb Jahrhunderten. Die Bildungschancen für Frauen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts waren schlechter und die Möglichkeiten, Ideen zu marktfähigen Produkten werden zu lassen, unvergleichlich geringer als für erfindungsreiche Männer. Und dennoch gab es sie, die Erfinderinnen. Dieses Buch porträtiert 18 Frauen, die mit wachem Blick zumeist auf die unmittelbare Lebensumgebung Produkte erfanden, die bis heute die Welt veränderten. "Bootsmann" hieß der Prototyp einer Windelhose, die nur den ersten Schritt darstellte zu Marion Donovans Erfindung der Wegwerfwindel. Das Tortendiagramm der Florence Nightingale wird noch heute zur Veranschaulichung komplexer Statistiken verwendet. Sie entwickelte es, um die vielschichtigen Bedürfnisse in den Lazaretten begründen und Geld für ihre Arbeit fordern zu können. Ebenso von Frauen erfunden: der Scheibenwischer, der Minirock oder das Frequenzsprungverfahren (Voraussetzung für Nahbereichsfunk wie Bluetooth), erfunden von der Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr, die mehr Ruhm als Delilah in "Samson und Delilah" einheimste als für ihre Erfindung. - Kurz und übersichtlich, sehr informativ und lebensnah beschreiben die Autoren die Findigkeit, Ausdauer und Phantasie der Erfinderinnen, bebildern ihre Lebensgeschichten mit zahlreichen Fotos und liefern so einen interessanten Blick darauf, wie Frauen trotz Ausbildungseinschränkungen mit viel Kreativität und Beharrlichkeit ihre Talente auslebten. ![]() 565536 Buggenhagen, Marianne: Spannend zu lesende Autobiografie der körperbehinderten Weltklassesportlerin. Marianne Buggenhagen ist eine der erfolgreichsten deutschen Sportlerinnen. Sie hat nicht nur unzählige Medaillen bei nationalen und internationalen Wettkämpfen gewonnen, sondern wurde 1994 von der ARD auch zur "Sportlerin des Jahres" gewählt - vor Franziska van Almsick. Anders als die Schwimmerin und weitere bekannte Sportlerinnen hat Buggenhagen aber ein Handicap: Sie sitzt im Rollstuhl. Wie sie sich ihr Leben dennoch nicht aus der Hand nehmen lässt und es statt dessen selbst gestaltet - behindert nur durch gesellschaftliche Umstände, nicht durch ihren Körper -, das beschreibt sie äußerst faszinierend in ihrer Autobiografie. Ganz nebenbei erfährt man so auch einiges über das Leben in der DDR, in der Buggenhagen 1953 geboren wird und aufwächst und in der sie ihre sportliche Karriere beginnt. "Wenn es eine Botschaft in meinem Buch gibt, dann ist es die", schreibt sie: "Egal, wie man beschaffen ist, es gibt keine Ausrede vor sich selbst." Das hat sie mit ihrem Leben überzeugend bewiesen. So, wie sie darüber schreibt, kann das nur Mut und Lebenslust machen - und zwar allen Menschen, ob mit oder ohne Handicap. ![]() 328977 Birkegaard, Mikkel: Der mysteriöse Tod des Antiquars Campelli löst einen tödlichen Machtkampf zwischen einer bibliophilen Gesellschaft und ihren Gegnern aus. Als Luca Campelli, Besitzer des Antiquariats "Libri di Luca", von einer Reise zurückkehrt, stattet er spät abends seinem Geschäft noch einen Besuch ab. Wenige Stunden darauf wird er tot aufgefunden. Sein Sohn Jon erbt das Antiquariat, hat aber zunächst wenig Interesse daran. Doch schon bald kann auch Jon sich den mysteriösen Ereignissen nicht mehr entziehen, die um ihn herum geschehen. Staunend wird er von Iversen, dem besten Freund seines Vaters, und der hübschen Katharina in das große Geheimnis eingeweiht: Luca Campelli, in Kopenhagen berühmt für seine Lesungen, die sich durch ihre außerordentliche Intensität auszeichneten, scharte Menschen mit einer besonderen Gabe um sich: Mitglieder einer geheimen Gesellschaft, denen es gelingt, die Gefühle und Meinungen anderer durch das Lesen von ausgewählten Texten zu beeinflussen. Noch ungeheuerlicher erscheint es Jon jedoch, dass auch er selbst diese Gabe besitzen soll. Erst als es zu einem Brandanschlag auf das kleine Antiquariat kommt, erkennt Jon das Machtpotential der bibliophilen Gesellschaft. Zusammen mit Iversen und Katharina, setzt er nun alles daran, sie zu schützen, aber ihre Gegner scheinen stärker zu sein. - Mit seinem Erstlingswerk ist dem dänischen Autor ein Stück großartiger Spannungsliteratur gelungen. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus Krimi- und Fantasy-Elementen, die den Leser unwiderstehlich in ihren Bann ziehen. Ein Pageturner, der nicht nur bibliophile Krimifans begeistern wird! (Übers.: Günther Frauenlob, Maike Dörries) ![]() 326991 Brekke, Toril: Das Schicksal der norwegischen Auswanderer Brenda und Hølje in den USA während des 19. Jh. Nach dem Tod von Mutter und Onkel arbeitet Brenda in einer Kneipe. Hier bietet sie sich auch Männern an. Doch als 1848 die ersten Goldfunde bekannt werden, macht sie sich mit Hølje, der sie liebt, auf den Weg nach Kalifornien. Unterwegs lernen sie andere norwegische Auswanderer kennen: Den verträumten ehemaligen Vorbläser Mandel mit seiner herrschsüchtigen Frau Agatha, ihre Kinder, die ein unabhängiges Leben suchen, sowie die Brüder Bøllog und Johan Jo. Manche finden Gold, viele sterben, einige lassen sich in einer Siedlung nieder, andere gehen ihren eigenen Weg. Erst nachdem Hølje im Bürgerkrieg verwundet wurde, finden Brenda und er sich wieder. -Die norwegische Bestsellerautorin Toril Brekke erzählt nüchtern vom Schicksal der Auswanderer in den USA. Gekonnt erschafft sie unterschiedliche Charaktere und deckt so ein weites Feld von Erfahrungen und Handlungsweisen ab. Es entsteht ein vielfältiges Bild der damaligen Zeit. Brenda und Hølje sind bereits aus dem ersten band der Auswanderertrilogie "Elises Traum" bekannt. Als unabhängige Fortsetzung durchaus zu empfehlen. (Übers.: Gabriele Haefs) ![]() 329041 Brown, Rita Mae: Krimi in High-Society- und Jagdszene der amerikanischen Ostküste. Während Jane Arnold, genannt Sister Jane, als Vorsitzende des Jagdvereins eigentlich nur in Ruhe ihrer wichtigen Aufgabe nachgehen will, geschieht am Fuß der Blue Ridge Mountains ein Mord, ihr Liebhaber deckt Unregelmäßigkeiten in der Buchführung einer alteingesessenen Firma auf und ein unfähiger Nachbar versucht sich an einer eigenen Jagdhundemeute. Mithilfe ihrer Freunde gelingt es Sister Jane jedoch recht mühelos, nicht nur den Mord aufzuklären sondern auch Licht in andere dunkle Begebenheiten zu bringen. - Wer nicht bereit ist, sich auf längere Abhandlungen über die Fuchsjagd in England und den USA einzulassen, auf die Vorzüge verschiedener Jagdhunderassen und die Tatsache, dass Tiere in diesem Roman nicht nur eine Nebenrolle spielen, wird keine Freunde an Browns neuestem Werk haben. Für alle anderen bietet es lesenswerte solide Krimiunterhaltung mit High-Society-Flair. Überall möglich. ![]() 328718 Chabon, Michael: In der Kaukasusregion des 10. Jh. erleben zwei vagabundierende Betrüger spannende Abenteuer. Sie sind schon ein seltsames Paar, der wortkarge fränkische Jude Zelikman und Amram, der afrikanisch-jüdische Riese. Zelikman verschafft sich immer wieder durch seine Heilkünste Vorteile; Amram hingegen beeindruckt neben seiner Körpergröße und Streitaxt auch durch seine verletzend scharfe Zunge. Sie betrügen, stehlen und sind sich für allerlei sonstige Untaten nicht zu schade; nichts ist ihnen fremd. Aber als sie auf einen verstoßenen Prinzen der Chasaren stoßen, der wegen einer Familienfehde auf der Flucht ist, werden die Abenteuer lebensbedrohend. Der übellaunige, störrische Junge will nur eines, seinen ermordeten Vater rächen und den Thron zurückgewinnen. Dazu verhelfen soll ihm der allmächtige Kagan, der auf einer Wolgainsel lebt. Doch ehe sie zu dem Großherrscher, den noch nie ein Untertan zu Gesicht bekommen hat, vorzudringen vermögen, werden sie durch die Intrigen der verfeindeten Parteien gefährdet und überleben geradeso die Überfälle der Nordmänner, der Rus und Waräger. Durch Zelikmans medizinische Kenntnisse und durch die Brachialgewalt Amrams gelingt es ihnen, den Prinzen, der sich zuletzt als Prinzessin herausstellt, wieder auf den angestammten Thron zu bringen. Sie hätten nun die Möglichkeit am Herrschersitz ein eher geruhsames Leben zu führen. Aber sesshaft zu werden behagt ihnen nicht; sie ziehen weiter. - Der Pulitzerpreisträger Chabon hat hier entgegen seinen bisherigen Erzählungen eine ganz besondere, wunderliche Abenteuergeschichte zum Besten gegeben. Das ist ganz große Fabulierkunst und ein wahres, wenn auch eher kurzes Lesevergnügen der besonderen Art. Die eine oder andere Geschichtsverfälschung wird dabei eher amüsiert denn als verstörend zur Kenntnis genommen. Diese sprachlich ungemein versierte Erzählung verdient viele Leser. (Übers.: Andrea Fischer) ![]() 328720 DeLillo, Don: Metaphysischer Thriller über einen möglichen Endpunkt der Evolution. DeLillo hat diesmal einen für seine Verhältnisse äußerst knappen Roman von nur 110 Seiten geschrieben. Gleichwohl setzt er sich ein hohes Ziel und will unsere Postmoderne mit der Mystik des Jesuiten Teilhard de Chardin rückkoppeln. Dabei bedient er sich einer virtuosen Schreibtechnik, die nicht vor harten Schnitten zurückscheut. DeLillos Roman ist als Kommentar auf das intellektuelle Amerika der Bush-Ära zu lesen. Dementsprechend ist der krankhafte Rechtfertigungsversuch des Irakkrieges der Backround dessen, was DeLillo erzählt. Die Geschichte ist nicht einfach wiederzugeben. Inspiriert von einer 24-stündigen Videoinstallation wird die berühmte Duschszene aus Alfred Hitchcocks Film "Psycho" analysiert. Daraus entwickelt sich die Frage, ob es einen Endpunkt der Evolution gibt. Es könnte sein, dass in dieser Entwicklung der Mensch einmal aufhört, Mensch zu sein. DeLillo versteht es, diese abstrakte Thematik der Zivilisationstheorie in eine spannende Handlung zu packen. Sie führt in die kalifornische Wüste, aber auch ins Museum of Modern Art in New York und berichtet von einem Filmemacher und einem PR-Strategen, der geheimer Kriegsberater war. Als dessen Tochter Jessie auftaucht, wird die Dynamik der ganzen Geschichte grundlegend verändert. Etwas Unfassbares geschieht. Alles bisher Gesagte wird in Frage gestellt. - Mag der Text zunächst auch sehr konstruiert erscheinen, so ist er doch von elektrisierender Spannkraft. Man kann ihn als metaphysischen Thriller bezeichnen. (Übers.: Frank Heibert) ![]() 564917 Fischer, Claus Cornelius: Im Kampf gegen brutale Mädchenhändler setzt Commissaris van Leeuwen seine Karriere und sein Leben aufs Spiel. Commissaris Bruno van Leeuwen (zuletzt "Totenengel", BP 09/853) leidet noch immer unter dem Tod seiner Frau, hat aber inzwischen eine neue Beziehung zu der einfühlsamen Psychologin Feline. Der Mord an einer jungen Frau und die Bitte eines alten Schulfreundes, seine ausgerissene 17-jährige Tochter Rascha zu suchen, bringt den engagierten stellvertretenden Polizeipräsidenten von Amsterdam auf die Spur eines brutalen Mädchenhändlerrings. Bei seiner Jagd nach den skrupellosen Hintermännern, die ihn bis in die Unterwelt von Mailand und Las Vegas führt, muss er auch noch die verschwundene Undercover-Polizistin Julika suchen, die in Lebensgefahr ist. Unter Umgehung der Dienstvorschriften kann er Julika retten und den Verbrechern das Handwerk legen. Auch Rascha findet er wieder, doch ihr Leben wird nie mehr so sein wie vorher. - Der packende Krimi, der den seelischen Konflikten seines Helden viel Raum gewährt, ist breit einsetzbar. ![]() 328637 Franzos, Karl Emil: "Kampf mit der Armut und dem Vorurteil": Karl Emil Franzos' nachgelassener Roman (1905) erzählt von den Lebensprüfungen eines Ghetto-Juden aus dem 19. Jh., der deutscher Schauspieler werden will - eine großartige literarische Wiederentdeckung. Ein Pojaz ist ein Possenreißer, "immer lustig, nicht immer harmlos, von Possen und Tücken". Im Gegensatz zu Thomas Mann hat Karl Emil Franzos (1847-1904) seinen Possenreißer mit einer osteuropäischen Geschichte ausgestattet, in der es um die Herkunft aus dem jüdischen Ghetto und die Zukunft in der deutschen Kultur geht. Der als Entdecker von Georg Büchners Werken bekannte Autor lässt seine Figur mit jüdischem Glauben und Schtetl-Milieu auf der einen, deutscher Kultur und Schauspielerleben auf der anderen Seite ringen. Sender (der Name ist Programm), ein "unsteter und habeloser Mann", setzt seine Phantasie gegen das trübe Ghetto-Los, gegen das Waisenschicksal, gegen Intoleranz und Gewalt. Obwohl er am Ende nicht auf der Theaterbühne steht, sondern mit einem Shylock-Zitat auf den Lippen stirbt, so lässt er doch den Leser seinen inneren Reichtum und seine Menschenfreundlichkeit erkennen. Merkwürdigerweise hat der Roman erst kurz nach dem Tod des Autors Erfolg gehabt, allerdings kurzzeitig. Aus der langen Vergessenheit holen ihn diese Ausgabe und das umsichtige Nachwort von Petra Morsbach heraus. Sie bescheinigt dem Roman, "beseelt, komisch, opulent, mit saftigen Charakteren und herrlichen Dialogen" bestückt zu sein. Der Leser wird ihr da nur zustimmen können. Senders Schicksal aus dem galizischen Ghetto-Judentum steht für einen letzten großen deutsch-jüdischen Symbioseversuch. Ein "stiller Klassiker", ein Bildungsroman, ein Buch über Idealismus und Realismus in dunklen Zeiten, spannend und mitreißend erzählt. Uneingeschränkte Empfehlung. ![]() 325946 Grant, Jessica: Audrey Flowers entdeckt die Welt und das Mysterium einer 20-jährigen Labor-Haus-Maus. Audrey Flowers sieht die Welt mit ihren eigenen Augen, was mit Sicherheit auch daran liegt, dass sie an einem 29. Februar geboren ist und erst sechsmal richtig Geburtstag feiern konnte. Ihrem unverbesserlichen Optimismus und dem kindlichen Gemüt stellen sich viele Fragen über die Welt, die Audrey gern mit ihrer klugen Schildkröte Winnifred debattiert. Ihrer eher trockenen Sicht der Welt verleiht Win gerne Nachdruck, indem sie ein Salatblatt fallen lässt. Als Audreys Vater stirbt, muss sich die junge Frau der Welt und den verworrenen Familiengeheimnissen stellen. Mutig, aber auch voller Trauer öffnet sie sich den Fragen nach ihrer verbissenen Großmutter, ihrem kranken Onkel Thoby, der seit Jahren bei ihnen lebte, und dem Mysterium der Familien-Maus. - Dieser Debütroman ist eine zauberhafte und warmherzige Geschichte, die einen besonders bei den Kapiteln der Schildkröte zum Lachen bringt. Für die junge Heldin gibt es noch den unberührten Zauber der Welt, in der alles möglich scheint, auch dass Schildkröten Shakespeare lesen und Mäuse 20 Jahre alt werden. Ein Muss für alle, die den Zauber ihrer Kindheit noch nicht verloren haben. (Übers.: Thomas Mohr) ![]() 315265 Gricksch, Gernot: Die Geschichte von Simone und Mark, wie die Königskinder, die nicht zusammenfinden konnten. Mark und Simone, beide am gleichen Tag, zur gleichen Zeit und im gleichen Ort geboren. So unterschiedlich die Lebensumstände der beiden auch sind, scheinen sie doch füreinander geschaffen zu sein. Leider meint das Schicksal es nicht so gut mit ihnen, denn sie laufen immer wieder aneinander vorbei. Mal aus Sicht Simones und dann wieder aus Sicht Marks erfahren die Leser, wie nah die beiden sich im Laufe von 40 Jahren kommen, ohne sich zu nähern. - Eine einzigartige Liebesgeschichte voller Zärtlichkeit und Romantik, doch auch spannend und tragisch. Man fiebert bis zum Ende mit, ob sich die beiden nicht doch noch finden. Eingebunden in die Geschichte ist auch eine Zeitreise der ganz besonderen Art, denn das Zeitgeschehen der letzten Jahrzehnte, wie der Mauerfall, die spektakuläre Flugzeuglandung auf dem Roten Platz oder der 11.September fehlen hier nicht. Allen Büchereien zu empfehlen. ![]() 330222 Jergovic, Miljenko: Ein pensionierter Gymnasiallehrer fährt mit einem klapprigen alten Wagen von Zagreb nach Sarajewo und wird dabei mit den Folgen des Krieges in den 90er Jahren konfrontiert. Die Kriege auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawien liegen nunmehr fast zwei Jahrzehnte zurück. Aber immer noch sind die damals den Menschen zugefügten Wunden nicht verheilt. Auch in den Romanen von Miljenko Jergovic sind sie immer präsent. In "Freelander", seinem neuen Roman, schildert der kroatische Autor einen pensionierten Lehrer aus Zagreb, der aufgebrochen ist, um in Sarajewo an der Eröffnung eines Nachlasskontos seines verstorbenen Onkels teilzunehmen. Und während dieser Fahrt wird der Protagonist des Romans nach und nach immer mehr in eine Konfrontation mit den katastrophalen Folgen der Gemetzel in den neunziger Jahren konfrontiert, mit den Zerstörungen der Landschaft, aber auch der zwischenmenschlichen Beziehungen. Jergovic konfrontiert die Leser mit einer aus den Fugen geratenen Zivilisation, in der es aber auch neben Gewalt und Zerstörung immer noch einen surrealen, "balkanischen" Witz gibt. Jergovic gehört heute zu den wichtigsten post-jugoslawischen Autoren, der einer traumatisierten Region mit seiner temporeichen, an Phantasie oft überbordenden Sprache ihre Stimme zurückgibt. Seine Romane sind inzwischen in die wichtigsten Weltsprachen übersetzt worden. (Übers.: Brigitte Döbert) ![]() 326769 Mankell, Henning: Zehnter und letzter Roman um Kommissar Kurt Wallander. Auf der Suche nach einem verschwundenen Marineoffizier gerät Kurt Wallander in ein Netz aus Spionage, das in längst vergessen geglaubte Zeiten des Kalten Krieges zurückführt. - Die Krimihandlung ist in diesem Roman nebensächlich, Sinn und Zweck ist offenbar der Abschied von einem Charakter, der die Leser/innen seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten fasziniert. Aber auch andere alte Bekannte tauchen noch einmal auf (manchmal leider ohne erkennbaren Sinn) und häufig überkommen Wallander Erinnerungen an alte Zeiten. Der gerade Großvater gewordene Kommissar denkt viel über das Altwerden und Sterben nach. Allein für sich betrachtet bietet das Buch einige Schwächen. Als Abschluss einer beliebten Romanserie aber wird Mankell hier seine treue Leserschaft sicherlich überzeugen und etwas traurig stimmen - denn ein "danach" wird es für Kurt Wallander nicht mehr geben. (Übers.: Wolfgang Butt) ![]() 327037 Meyer, Clemens: Elf abgründige und fesselnde Erzählungen über verschiedene Formen von Gewalt, denen Menschen unterworfen sein können. Axtmörder, Amokläufer, Kinderschänder, Folterer von Abu Ghraib und Guantanamo, Prostituierte, Spielsüchtige und Hooligans bilden unter anderem das Personal, das die Schlagzeilen über Gewalttaten in den letzten Jahren bestimmt hat. Für Clemens Meyer ist dies ein Anlass, sich zu fragen, welchen Gewalten wir tagtäglich ausgesetzt sind, ob nicht in jedem von uns Gewaltpotenzial vorhanden ist und wie er dies angemessen literarisch verarbeiten kann. Er wählt das Tagebuch und experimentiert mit dieser Form, indem er Erlebtes und Gelesenes fiktionalisiert und die jeweiligen Hauptfiguren in ihren existenziellen Bedrohungen unmittelbar an der Grenze zwischen Wahn und Normalität, Traum und Wirklichkeit, Realität und Surrealität beschreibt. Dabei erweist sich Meyer als Filmkenner. Häufig verwendet er Filmtechniken wie den Schnitt, Überblendungen von Zeit und Raum und den abrupten Wechsel der Perspektive. Er schreibt kraftvoll und schnörkellos, hat Worte für Dinge, die eigentlich nicht beschreibbar sind, und kennt die Befindlichkeiten der Außenseiter unserer Gesellschaft. Ein gelungenes Erzählexperiment, das sich kunstvoll mit den Abgründen, in die sich Gewalttäter begeben, auseinandersetzt. Trotz der unmittelbaren Form des Tagebuchs wird der Leser stets auf Distanz zum Erzählten gehalten. Kann anspruchsvollen und literarisch interessierten Lesern wärmstens empfohlen werden. ![]() 332953 Obermayr, Richard: Die geheimnisvolle Geschichte einer Familie, die von einem Ereignis betroffen wurde, das womöglich nie stattgefunden hat. Ist die Kugel, die durch diesen Roman fliegt, je abgefeuert worden? Und wenn ja: wird sie ihr Ziel erreichen oder wird die Verlangsamungstaktik des Erzählers diesen Schuss aufhalten können? Dies ist die Geschichte einer Familie, die unter den Folgen eines Ereignisses leidet, für das es zwar viele Vorzeichen und Hinweise gab, das aber womöglich nie stattgefunden hat. Richard Obermayr hat einen Roman über das flüchtigste und zugleich unwiderrufbarste Element geschrieben: die Zeit. Tag für Tag geht sie durch uns hindurch und häuft sich als eine Vergangenheit auf, von der wir nicht wissen, was mit ihr geschieht. Ist es möglich, dass diese gelebte Zeit hinter uns weiterreift, ja dass jene Teile unserer Persönlichkeit, die wir zurücklassen mussten, um die zu werden, die wir heute sind, sich hinter unserem Rücken gegen uns verbünden? Was ist, wenn eines Tages die Vergangenheit uns nicht mehr braucht und ohne uns weiterlebt? - Als Richard Obermayr vor über zehn Jahren seinen ersten Roman vorlegte, wirkte er ebenso verstörend wie begeisternd. Ein neuer Autor war auf den Plan getreten, dem man Außerordentliches zutraute. Zu Recht: Sein zweiter Roman löst das Versprechen, das der erste gab, auf glänzende Weise ein. Für literarisch Interessierte sehr zu empfehlen. ![]() 318327 Rank, Elisabeth: Der plötzliche Tod ihres Freundes Tim wirft die Studentin Lene aus der Bahn. Mit ihrer Freundin Tonia bricht sie auf zu einer Reise ohne Ziel. Ein Lastwagen hat Lenes Freund Tim überfahren, er ist tot. Lenes Welt bricht zusammen, dieses leichte, von ihr geliebte Leben in Berlin, das Leben mit Tim, dem Studium, Partys und ihrer besten Freundin Tonia. Tonia ist hilflos und sprachlos. Gemeinsam mit Lene startet sie zu einer Fahrt ins Ungewisse, sie fahren mit dem Auto Richtung Mecklenburg, Richtung Meer, ohne konkretes Ziel, ohne jemandem mitzuteilen, wo sie sind, wann sie heimkehren. Lene - anfangs nur schweigend oder schluchzend - erinnert sich an Tim. Mal klagt sie, mal wütet sie verzweifelt, dann wieder schweigt sie oder beginnt zu reden über die Angst, wie das Leben überhaupt noch weitergehen kann. Tonia ist bei Lene, hält deren Not aus, hilft ihr, setzt sich bei Lenes Erinnerungsreisen mit dem eigenen Leben, der Beziehung zu Fritz, ihren eigenen Wünschen und Träumen auseinander. Zwei junge Frauen tragen einen großen Schicksalschlag miteinander und finden wieder einen ersten Schritt ins eigene Leben. In diesem eindrücklichen Roman geht es nicht um Ereignisse, sondern um Gefühle, um Beobachtungen, um die Beschreibung von Trauer, Wehmut, Angst, um die Beschreibung von Zuständen. Ein anspruchsvolles Buch, das berührt, das Zeit braucht und das nachklingt. Empfehlenswert. ![]() 326695 Roth, Philip: Ein alternder Theaterschauspieler verliebt sich in eine junge lesbische Frau. Wer sich spannende Unterhaltung auf hohem literarischem Niveau wünscht, ist nach wie vor bei Philip Roth gut aufgehoben. "Die Demütigung" gehört zwar nicht zu seinen besten Romanen. Und doch überzeugen diese knappen 138 Seiten durch Witz und eine suggestive Prägnanz, die nur wenige Schriftsteller unserer Zeit erreichen. Wieder einmal variiert Roth sein Generalthema: dass das Altwerden ein schauerlicher Vorgang ist. Von einem zum anderen Tag verliert der weltweit gefeierte Schauspieler Simon Axler seine Bühnenpräsenz. Auch der Aufenthalt in einer Nervenklinik vermag ihm nicht zu helfen. Er ist seellisch am Ende und denkt an Selbstmord. Da taucht unvermittelt eine mehr als zwanzig Jahre jüngere Dozentin aus einem nahen College in seinem Leben auf. Bald stellt sich heraus, dass sie die Tochter von Jungendfreunden Axlers ist. Binnen kurzem gelingt es ihm, ihre lesbische Veranlagung zu drehen und mit ihr eine heftige Liebesbeziehung zu beginnen. Alles scheint auf eine gute Bürgerlichkeit zuzulaufen. Aber die Fassade trügt. Hinter ihr spielt sich ein grausiges Drama ab, in dem eine Ex-Geliebte der Dozentin, schwierige Schwiegereltern und eine neue Geliebte die Hauptrollen spielen. - Roth bleibt sich also treu. Wie immer bei ihm versucht ein alter Mann mit Hilfe der Sexualität seines Verfalls Herr zu werden. Was erst recht ins Fiasko führt. Wer Roth liest, muss sich auf seine Drastik einstellen. Zunehmend ist bei ihm aber auch ein moralischer Unterton herauszuhören. (Übers.: Dirk van Gunsteren) ![]() 326992 Wilson, Andrew: Ein junger Biograf kommt langsam hinter die Abgründe im Leben eines Schriftstellers. Adam Woods ist gerade von der Hochschule abgegangen und auf der Suche nach einem Job. Da wird ihm in Venedig eine Stelle als Gesellschafter des alternden Schriftstellers Gordon Crace angeboten. Schon bald stößt Adam auf Ungereimtheiten im Leben des alten Mannes und beschließt, daraus Kapital zu schlagen: er will Gordons Biografie schreiben. - Andrew Wilson versteht es, sein Netz um den alten Mann zu spinnen, der mit einer alten Schuld beladen ist. Aber auch die Untiefen im Leben Adams lotet er aus. Sicher kein Standardkrimi, erinnert das Ganze eher ein wenig an den "Talentierten Mr. Ripley" aus den schon fast vergessenen Romanen von Patricia Highsmith. Und daran wird man als Liebhaber psychologischer Krimis doch nur allzu gern erinnert ... (Übers.: Judith Schwaab) ![]() 326476 Kinney, Jeff: Kurzweilige Comicgeschichte über die neuen Katastrophen des Teenagers Greg in den Sommerferien. Ferien! Die will Greg auch voll und ganz auskosten - nämlich vor der Spielkonsole! Doch seine Mutter ist da anderer Meinung und beschafft ihm ungefragt "sinnvolle Tätigkeiten". Nicht nur, dass er anstelle von Fernsehmarathons plötzlich Bücher für einen Buchclub lesen soll, der letztlich nur aus ihm und seiner Mutter besteht! Der Hund, den sich sein Dad mehr oder minder aus Trotz anschafft, hält sein Bett besetzt und sein Leben in Trab, und die Reise, die er mit der Familie seines Freundes Ruppert verbringen darf, wird zum Desaster und führt zum Streit zwischen ihm und Ruppert. Immerhin entdeckt Greg, dass Holy Hunters große Schwester im Freibad als Bademeisterin arbeitet und sicherlich schon bald von den Vorzügen Gregs überzeugt sein wird... Doch ob dieser Plan und all die andren Ausweichstrategien vor den sinnvollen Beschäftigungen funktionieren? - Wie schon in den drei vorangehenden Bänden (zuletzt: BP 09/680) liefert Kinney erneut eine kurzweilige, amüsante Comicgeschichte über die ganz "alltäglichen" Katastrophen, die einem Jugendlichen während der Sommerferien zustoßen können. Obwohl dieser Band nach wie vor zahlreiche, zum Lachen komische Situationen bietet sowie den gewohnt trockenen Humor, erscheint die Geschichte in diesem Band doch etwas dünn. Insgesamt jedoch ein lustiger und durch die Comics auch für Lesemuffel bestens geeigneter Zeitvertreib. (Übers.: Collin McMahon) ![]() 326607 Kuhlman, Evan: Seit dem plötzlichen Tod seines Vaters verschwindet Finn Garrett, 12 Jahre, mehr und mehr. Gibt es ein Zurück? Finn Garrett verliert seinen Vater ganz plötzlich, da ist er gerade zwölf, von pubertären Gefühlen geschüttelt und am Beginn einer ersten zarten Liebe. In dieser ersten Zeit der Trauer verliert er nicht nur innerlich, sondern auch für jeden sichtbar äußerlich allmählich seine Konturen. Er verblasst sozusagen. Erst die allmähliche Zuwendung zu seinen Mitmenschen und das Bemühen, mit dem Verlust leben zu lernen, hauchen ihm allmählich wieder einen Hauch Farbe ein. - Der amerikanische Autor findet ein sehr anschauliches und treffendes Bild für die Trauer seines kleinen, von der Situation überforderten Helden. Das lässt er ihn in Tagebuchform selbst schildern, mit kommentierenden Comics und Bildern versehen und in leicht schnodderigem, manchmal aber auch tiefgründig philosophierendem Tonfall. Das Ergebnis ist die höchst einfühlsam geschilderte Geschichte über einen Jungen, der auch dank der Unterstützung lieber Menschen den Weg zurück in ein lebenswertes Leben findet. - Sehr empfohlen! ![]() 326759 Venuti, Kristin Clark: Der Butler Benway zählt die Tage und Stunden, bis er endlich frei ist von der chaotischsten Familie aller Zeiten, an die ein 200 Jahre alter Vertrag ihn bindet. Tristan Benway will den Bellwaters nicht mehr zu Diensten sein: Seit 200 Jahren sind die Benways über einen Lehnseid als Butler den Bellwaters verpflichtet und in 8 Wochen, 2 Stunden und 27 Minuten läuft diese Frist ab. Während dieser Wochen zählt Tristan die Minuten und schreibt ein Buch über das alltägliche Chaos im "Leuchtturm-auf-dem-Hügel" (S. 9), den der Erfinder Eugene Bellwater mit seiner Frau Lillian, die immerfort Wände anmalt, und den fünf Kindern bewohnt. Chaos findet alltäglich statt: Sei es, dass die neunjährigen Drillinge beschließen sich als Kunstmaler zu versuchen und ihr Gemälde austauschen gegen das Bild der Mona Lisa, oder dass die 13-jährige Ninda, die sich für jeden einsetzt, den sie für ausgebeutet hält, sich nun auch noch im Dudelsack spielen versucht, oder dass der 14-jährige Spider wieder einmal ein gefährliches, angeblich vom Aussterben bedrohtes Tier in den Leuchtturm schmuggelt. Ihnen allen räumt Butler Tristan Benway hinterher, ärgert sich und lässt sich dennoch mit Hilfe seiner gut platzierten Kameras nichts entgehen. Er gerät zwischen die Fronten und kann doch nicht ohne diese Bellwaters sein. - Das Debüt der amerikanischen Schriftstellerin ist ein originelles, witziges und sehr warmherziges Buch über eine herrlich chaotische, phantasievolle Familie und den ihnen ergebenen Butler. Sehr empfehlenswert! (Übers.: Werner Leonhard) ![]() 325809 Murail, Marie-Aude: Louis findet gegen viele Widerstände sein Glück als Friseur. Dass ihm Großmutter die Praktikumsstelle im Friseursalon "Marielou" vermittelt, ist Louis so ziemlich egal. Doch die Arbeit dort und die Angestellten haben es ihm schnell angetan, und bereits mit 14 weiß er, dass das seine Zukunft ist. Doch wie soll er, der schüchterne Junge, es dem Vater, einem erfolgreichen, ehrgeizigen und cholerischen Chirurgen beibringen? Nach turbulenten Wochen - in denen sogar Verbrechen und Unfälle passieren! - wird mit viel List das schlechte väterliche Gewissen ausgenutzt und eine tolle Lösung für Louis gefunden. - Mit französischem Charme, Ironie und Witz sowie liebenswerten und eigensinnigen Figuren, wird die wahrhaftige und herzerfrischende Geschichte eines Jungen erzählt, der über eine "andere" Intelligenz verfügt und schon mit 14 lieber arbeitet als in die Schule zu gehen. Alle Personen sind in irgendeiner Weise verwundet. Die gemeinsame Aufgabe, Louis zu seinem Herzenswunsch zu verhelfen, lässt manches heilen, zumal der Unterstützte das Vertrauen vielfach zurückschenkt. - Ein grandioses Buch, das locker-leicht daherkommt und jede/n Leser/in ergreift. Unbedingt anschaffen und wärmstens empfehlen! Sie können jedes der hier besprochenen Bücher wie gewohnt über ihren jeweiligen Büchereiverband bestellen. Am einfachsten ist es über das nachfolgende E-Mail-Bestellformular. 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