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April 2010

Auf dieser Seite finden Sie nach einer Auflistung der besprochenen Titel sämtliche Rezensionen. Nach der letzten Buchbesprechung haben Sie die Möglichkeit, die hier vorgestellten Bücher per E-Mail zu bestellen.

Sachbücher:
Grün, A.: Sieben Schritte ins Leben
Hiekisch, A.: Dem Geheimnis auf der Spur
Beuys, B.: Sophie Scholl
Meckel, M.: Brief an mein Leben

Schöne Literatur:
Appelfeld, A.: Katerina
Åsbacka, R.: Das zerbrechliche Leben
Berger, J.: A und X
Child, L.: Nullpunkt
Coetzee, J.: Sommer des Lebens
Connelly, M.: So wahr uns Gott helfe
Dahl, A.: Dunkelziffer
Daschkowa, P.: In ewiger Nacht
Gallay, C.: Die Brandungswelle
Geil, J.: Heimaturlaub
Jalonen, O.: Vierzehn Knoten bis Greenwich
Jaskulla, G.: Annas Abschied von der romantischen Liebe
Keegan, N.: Schwimmen
Kelly, E.: Die verrückten Flanagans
Kerr, P.: Die Adlon Verschwörung
Klein, G.: Roman unserer Kindheit
Köhler, H.: Und dann diese Stille
Lark, S.: Das Gold der Maori
Leky, M.: Die Herrenausstatterin
Lévy, J.: Schlechte Tochter
Mazetti, K.: Mein Leben als Pinguin
Mähr, C.: Alles Fleisch ist Gras
Morrison, T.: Gnade
Muñoz Molina, A.: Mondwind
Nunn, J.: Gezeiten des Schicksals
Paasilinna, A.: Vom Himmel in die Traufe
Perlman, E.: Drei Dollar
Rinke, M.: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel
Röggla, K.: Die Alarmbereiten
Smith, A.: Mma Ramotswe und der verschollene Bruder
Stassi, F.: Die Trophäe
Thomas, C.: Der König der Komödianten
Tokarjewa, V.: Der Baum auf dem Dach
Walser, M.: Mein Jenseits
Zahno, D.: Rot wie die Nacht


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565148

Grün, Anselm:
Sieben Schritte ins Leben : die Worte Jesu am Kreuz - sich einlassen auf Ostern / Anselm Grün. - Stuttgart : Kreuz, 2010. - 119 S. : Ill. ; 21 cm
ISBN 978-3-7831-3484-1 fest geb. : 12,95

Spirituelle Anregungen zur Mitfeier der Karwoche und der Ostertage.
(Re 3.553)

Wer die Karwoche und die Ostertage bewusst aus dem christlichen Glauben heraus mitleben möchte, findet in diesem Buch einen geeigneten Begleiter. Behutsam lässt der Autor den Leser vom Palmsonntag bis Ostermontag in das österliche Geheimnis von Tod und Auferstehung hineinwachsen, indem er ihn von der Betrachtung des Tagesevangeliums und der sieben Worte Jesu am Kreuz über spirituelle, meditative Übungen zum betenden Innehalten führt. Es sind einfühlende und inspirierende Texte, die auch außerhalb der heiligen Woche ihre prägenden Wirkungen entfalten können. - Für alle Bestände sinnvoll und wünschenswert.
Helmut Eggl

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328873

Hiekisch, Annegret:
Dem Geheimnis auf der Spur : in der Familie Gott erfahren / Annegret Hiekisch. - Ostfildern : Schwabenverl., 2010. - 120 S. ; 19 cm (Mit Kindern kommt Gott ins Haus)
ISBN 978-3-7966-1490-3 kt. : 9,90

Anregungen für eine unkomplizierte, familienkompatible Spiritualität.
(Pä 2.5)

Kinder sind die besseren Religionslehrer. Oft sind nämlich ihre bohrenden Fragen Anlass für Eltern und andere Erwachsene, sich neu Gedanken zu machen über das Warum und Wieso, das Woher und Wohin des menschlichen Lebens. Auch die Taufe eines Kindes oder Rituale und Feste, die in Kindergarten und Schule mit anderer Intensität begangen werden als zu Hause, können die Sehnsucht nach einem auch spirituell erfüllten Leben wecken. Doch wo ist im turbulenten Familienalltag Platz für Spiritualität? Annegret Hiekisch zeigt in ihrem Buch, dass eine familienkompatible Spiritualität weniger eine Frage der verfügbaren Zeit als eine Frage der Haltung ist. Ihr Motto: Gott in allen Dingen suchen, also auch am Wickeltisch, beim Bügeln und bei der Beschäftigung mit Kindern. Ihre Gedanken zum Leben in der Gegenwart Gottes entwickelt Hiekisch in drei Kapiteln. Im ersten Kapitel macht sie sich grundsätzliche Gedanken zur Möglichkeit, sich Gott zu nähern, im zweiten geht es darum, die innere Haltung der Achtsamkeit zu entwickeln. Im dritten Kapitel schließlich beschreibt sie Wege zu Gott, mit denen sie im Laufe ihrer Berufstätigkeit als Pastoralreferentin und in ihrer eigenen Familie gute Erfahrungen gemacht hat. So schlägt sie vor, sich das "Du" in der Beziehung zu Gott und die Intimität, die darin liegt, neu bewusst zu machen. Mit ihren theologisch durchdachten, gleichwohl bodenständigen Anregungen zeigt sie, dass eine lebendige Gottesbeziehung keine Frage tiefer mystischer Begabung oder theologischer Ausbildung ist, sondern durch viele Kleinigkeiten und eine achtsame Haltung im Alltag wachsen kann. "Dem Geheimnis auf der Spur" kann Familien helfen, ihren Weg zu und mit Gott zu finden. (Religiöses Buch des Monats April 2010)
Redaktion

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326714

Beuys, Barbara:
Sophie Scholl : Biografie / Barbara Beuys. - 1. [Aufl.]. - München : Hanser, 2010. - 493 S. : Ill. ; 22 cm
ISBN 978-3-446-23505-2 fest geb. : 24,90

Erste umfassende Biographie der 1943 hingerichteten engagierten Gegnerin des Dritten Reichs.
(Ge 5.5230 - Scholl, Sophie)

Seit 2005 ist die wichtigste Sammlung von Dokumenten über Hans und Sophie Scholl im Münchner Institut für Zeitgeschichte zugänglich. Die Autorin hat daraus zahllose Unterlagen für ihre Biographie herangezogen. So konnte sie nicht nur die Tagebücher der Geschwister Scholl, ihren umfangreichen Briefwechsel untereinander, aber auch mit dem ungewöhnlich großen und unterschiedlichen Freundeskreis, nicht zuletzt viele Briefe von Sophie Scholl an ihren Freund Fritz Hartnagel und solche von ihm an seine Geliebte auswerten. Sie geht ausführlich ein auf die Familiengeschichte von den Großeltern und Eltern bis zu den fünf Geschwistern und deren Bekanntenkreis, dem so bekannte Persönlichkeiten wie Carl Muth, Theodor Haecker und Kurt Huber angehörten. Barbara Beuys bemühte sich besonders, die Persönlichkeitsentwicklung von Sophie Scholl herauszuarbeiten. Sie zeichnet ein differenziertes Bild, versucht Widersprüchliches nicht zu glätten, sondern beschreibt z.B. eingehend die jahrelange Begeisterung von Hans und Sophie Scholl für die Hitlerjugend und ihre engagierte Mitarbeit in dieser. Dargestellt wird das vielseitige Interesse von Sophie für Musik und Kunst, ihre zeichnerische Begabung, aber auch das Auf und Ab ihres Gefühllebens und das stete, aber nicht immer erfolgreiche Bemühen um die Beherrschung der Emotionen durch einen kritischen Verstand. Ein besonderes Anliegen ist es der Autorin, das bisher weniger beachtete religiöse Ringen und die Gratwanderung zwischen den Konfessionen darzustellen. Natürlich werden der Widerstand gegen das Hitlerregime und die Flugblattaktionen akribisch beschrieben. Ganz nebenbei wird dem Leser eine ganze Menge von kaum bekanntem Wissen über das Dritte Reich vermittelt. - Ein fesselnd geschriebenes Buch, dessen Lektüre tief beeindruckt. Allen Büchereien zu empfehlen.
Hans Niedermayer

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328027

Meckel, Miriam:
Brief an mein Leben : Erfahrungen mit einem Burnout / Miriam Meckel. - 1. Aufl. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2010. - 223 S. ; 21 cm
ISBN 978-3-498-04516-6 fest geb. : 18,95

Bericht der bekannten Kommunikationswissenschaftlerin über ihren Zusammenbruch und den anschließenden Klinikaufenthalt.
(Bi 2 - Meckel, Miriam <- Ps 3.2)

Sie war die jüngste Professorin Deutschlands, Staatssekretärin und Regierungssprecherin in NRW, Direktorin für Medien und Kommunikationsmanagement an der Hochschule St. Gallen, legte pro Jahr 40.000 Flugmeilen zurück und erhielt pro Tag etwa 250 E-Mails. "Ich habe keine Grenzen gesetzt, mir selbst nicht und auch nicht meiner Umwelt, die zuweilen viel verlangt, mich ausgelaugt hat wie ein Blutegel seinen Wirt." Dann, Im Alter von 42 Jahren, nach 15 Jahren rastloser Tätigkeit kommt der Zusammenbruch, nichts geht mehr. Sie wird in eine Klinik eingewiesen, erfüllt ihren Therapieplan und lernt langsam, zu sich selbst zu kommen. Es drängt sie, einen "Brief an mein Leben" zu schreiben, der mit den Worten endet: "Du (das Leben) fehlst mir so in all dem, was ich bislang getan habe." Ein sehr nachdenklich stimmendes Buch, das nicht nur die Folgen eines gnadenlosen Arbeitslebens zeigt, wie es immer häufiger wird, sondern schließlich in eine andere Dimension weist, denn sie will "einmal wirklich eintreten in Deine Welt" (die des Lebens), auch wenn sie nicht gläubig ist. - Allen Büchereien nachdrücklich zu empfehlen.
Michael Mücke

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329035

Appelfeld, Aharon:
Katerina : Roman / Aharon Appelfeld. - 1. Aufl. - Berlin : Rowohlt Berlin, 2010. - 253 S. ; 21 cm – Aus dem Hebr. übers.
ISBN 978-3-87134-680-4 fest geb. : 19,95

Bewegender Roman über jüdisches Leben und Judenverfolgung in der Ukraine und das Schicksal einer schuldlos schuldig Gewordenen.
(SL)

Der 1932 in Cernowitz geborene jüdische Schriftsteller führt uns in die archaische Welt eines ukrainischen Bauerndorfs in der Nähe von Cernowitz. Zu Beginn und am Ende des Romans steht Katerina, die Mörderin, das "Ungeheuer", nach vierzigjähriger Haft am Fenster ihres verfallenen Elternhauses und blickt auf ihr Leben zurück, ein Leben "voller Arbeit und Mühe" (S.43) aber auch voller Erniedrigung und Sünde. Von ihren Eltern hatte Katerina nicht viel Gutes erfahren und war in die Stadt geflohen. Bei einer jüdischen Familie findet sie eine Anstellung und fühlt sich bei diesen strenggläubigen, ihr anfangs so fremd erscheinenden Menschen bald wohl, trotz der allgemeinen Ressentiments, ja des blanken Hasses, der bei ihren ruthenischen Landsleuten gegenüber Juden herrscht. Sie lebt sich in diese jüdische Welt mit ihren Ritualen und Lebensformen ein und fühlt sich so sehr zu den Juden hingezogen, dass sie ihren kleinen Sohn beschneiden lässt und ihn im jüdischen Sinne erziehen will. Deshalb stößt sie selbst bei ihren Landsleuten auf Misstrauen und äußerste Ablehnung. Sie wird zur haltlosen Herumtreiberin, zur wurzellosen Streunerin, die zwischen den zwei Welten ihren Platz nicht mehr findet. Die entscheidende Wende in ihrem Leben bringt schließlich die Ermordung ihres kleinen Sohnes Benjamin durch einen rachsüchtigen Trunkenbold, der sie vergewaltigen will und den sie eigenhändig tötet. - Die lapidare, ungekünstelte aber dennoch ausdrucksstarke Sprache des Textes fesselt den Leser umso mehr, als sie völlig in Einklang steht sowohl mit dem beschränkten Horizont der ungebildeten Ich-Erzählerin als auch mit dem archaischen Geschehen, von dem sie uns erzählt. Ein sehr bewegender Roman, unbedingt anschaffen! (Übers.: Mirjam Pressler)
Helmer Passon

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326667

Åsbacka, Robert:
Das zerbrechliche Leben : Roman / Robert Åsbacka. - 1. [Aufl.]. - München : Hanser, 2010. - 313 S. ; 21 cm – Aus dem Schwed. übers
ISBN 978-3-446-23486-4 fest geb. : 19,90

Das von schweren Schicksalsschlägen begleitete Leben eines alten Mannes erfährt durch die Freundschaft zu einem Jungen einen letzten emotionalen Aufschwung.
(SL)

Als in einer stürmischen Septembernacht 1994 die Estonia in der Ostsee versinkt, ist auch Thomassons Frau Siri mit unter den Opfern. Er selbst war jahrelang auf diesem Schiff gefahren und kennt jeden Winkel. Immer wieder durchdenkt er die schicksalhaften Momente, die zum Untergang geführt haben könnten und macht sich Vorwürfe, dass er in dieser Nacht nicht mit an Bord war. Jetzt ist er ein alter Mann, der sich den Fuß verletzt, als er sich für einen Jungen einzusetzen versucht, der von seinen Mitschülern gemobbt wird. Daraus ergeben sich Kontakte zu dem Buben und dessen Mutter. Irgendwie scheint Thomasson jedoch auch weiterhin vom Unglück verfolgt zu sein. Zuerst bricht er sich bei einem Sturz die Hand und kurze Zeit später wird er von einem Auto überfahren. Die wenigen Bekannten, die der alte Mann hat, kümmern sich rührend um ihn. Sie holen Thomasson aus dem Krankenhaus und bringen ihn zu einer Theatervorstellung in die Stadt, während der er völlig unerwartet stirbt. - Ein genau beobachtender, einfühlsam formulierter Roman, der durch sein Grundthema vom Altern und Sterben naturgemäß etwas schwermütig gerät. Aber lesenswert allemal. (Übers.: Verena Reichel)
Josef Schnurrer

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326672

Berger, John:
A und X : eine Liebesgeschichte in Briefen / John Berger. - 1. Aufl. - München : Hanser, 2010. - 205 S. ; 21 cm – Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-446-23395-9 fest geb. : 18,90

Eine Frau schickt ihrem zu lebenslänglicher Haft verurteilten Geliebten Briefe aus dem Leben außerhalb des Gefängnisses.
(SL)

Wegen eines ihm vorgeworfenen terroristischen Verbrechens muss Xavier eine zwei Mal lebenslängliche Strafe absitzen. Da seine Geliebte A'ida ihn nicht besuchen darf, bleiben ihr nur Briefe als Möglichkeit, mit ihm zu korrespondieren. A schildert X in diesen Briefen, was sie Tag für Tag draußen in der Freiheit erlebt, die aber wiederum von der Repression einer Diktatur geprägt wird. Auf der Rückseite der Briefe macht der Adressat X kleine Notizen, die sich auf die jeweiligen Briefe beziehen oder kurze Mitteilungen über seine Sicht der Welt beinhalten. Ort und Zeitpunkt dieser Liebesgeschichte in Bildern werden nur vage angedeutet. Der Autor enthält sich auch jeder Stellungnahme über das vergangene Verbrechen. Der Leser kann sich seinen eigenen Reim auf das Vergehen machen. Es bleibt auch offen, ob jeder Gewaltakt zu verurteilen ist. Selbst wenn man die Taten und die Weltsichten der Briefpartner nicht teilen kann oder will, bleibt doch die hinreißende Lebensbejahung der Briefeschreiberin A'ida lange im Gedächtnis. "Der einzige Weg trotzdem weiterzumachen, besteht darin, das ungeheure Geschenk des Lebens anzunehmen". Vielleicht eine naive, aber trotzdem richtige Botschaft: Gegen die Destruktivität des Terrors und auch einer Diktatur hilft nur das Leben in seinen vielen Farben und Schattierungen zu bejahen und zu feiern. Das Buch, einem düsteren Kapitel der heutigen Zeit gewidmet, hinterlässt beim Leser trotzdem helle, ermutigende, das Leben mit offenen Armen begrüßende Gefühle. (Übers.: Hans Jürgen Balmes)
Carl Wilhelm Macke

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318486

Child, Lincoln:
Nullpunkt : Thriller / Lincoln Child. - 1. Aufl. - Reinbek bei Hamburg : Wunderlich, 2010. - 396 S. ; 21 cm – Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-8052-0882-6 fest geb. : 19,95

In einem Gletscher wird ein geheimnisvolles, eingefrorenes Tier entdeckt. Was für ein Geheimnis birgt es?
(SL)

Wissenschaftler entdecken im Eis Alaskas ein unbekanntes Tier. Sie sind in einer Militärbasis untergebracht und untersuchen - finanziert durch einen Fernsehsender - die Klimaerwärmung. Der Sender will den Fund finanziell ausschlachten und rückt mit Menschen und Material an. Doch als das Tier verschwindet und Menschen grausam ums Leben kommen, kämpfen die Überlebenden mit- und gegeneinander gegen eine gespenstische Macht. Erst mit Hilfe eines Schamanen kann der sympathische Wissenschaftler Marshall das Rätsel lösen und die Bestie aus der wegen Wintereinbruchs unerreichbaren Basis vertreiben. Die Wissenschaftler, Militärs und Filmleute agieren ganz unterschiedlich (Dummheit gegen Vernunft). Wie im vorherigen Buch "Wächter der Tiefe" (s. BP 09/104) erzählt L. Child hier wieder routiniert einen spannenden Wissenschaftsthriller. Ab mittleren Büchereien gut einsetzbar. (Übers.: Axel Merz)
Michael Müller

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327032

Coetzee, Jean Marie:
Sommer des Lebens : Roman / J. M. Coetzee. - Frankfurt am Main : S. Fischer, 2010. - 295 S. ; 21 cm – Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-10-010835-7 fest geb. : 19,95

Der südafrikanische Nobelpreisträger beleuchtet seine Anfangsjahre als Schriftsteller - aus ungewöhnlicher Perspektive.
(SL)

Welch eine Perspektive für eine Selbstreflektion! Coetzee, inzwischen in Australien lebender südafrikanischer Autor und Literaturnobelpreisträger (2003), lässt einen jungen englischen Autor nach seinem eigenen Tod fünf für sein Leben relevante Menschen, zumeist Frauen, interviewen. Der behandelte Zeitraum umfasst die Jahre von 1972 - 1977, als Coetzee, gerade dreißigjährig, aus den USA in sein Heimatland Südafrika zurückkehrt. Die Heimkehr gestaltet sich schwierig, zumal er mit seiner Absicht, Schriftsteller zu werden, Befremden auslöst. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Lehrer an der Universität Kapstadt, privat zieht er mit seinem kränkelnden Vater zusammen. Diese Fakten ergeben sich erst allmählich aus den Interviews, die sein Biograf mit den Frauen führt, die damals in seinem Leben einen Platz hatten. Es treten auf die verheiratete Nachbarin, die durch die Affäre mit ihm ihre Ehe bereichert, seine Lieblingscousine aus Kindertagen, Margot, die als einzige des weitverzweigten Familienclans an seine schriftstellerischen Fähigkeiten glaubt, oder, als einziger Mann, Martin, ein Lehrerkollege, der auf die berufliche Laufbahn Coetzees blickt. Sie alle geben tiefe Einblicke in das Innenleben eines Mannes, der damals auf dem Weg war, ein großer Schriftsteller und brillanter Analyst der politischen Situation seines Heimatlandes zu werden. Für größere Bestände! (Übers.: Reinhild Böhnke)
Beate Mainka

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321759

Connelly, Michael:
So wahr uns Gott helfe : Roman / Michael Conelly. - München : Heyne, 2010. - 511 S. ; 22 cm (Detective Harry Bosch ; 14) – Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-453-26636-0 fest geb. : 19,95

Der Strafverteidiger eines des Doppelmordes angeklagten Filmproduzenten in Hollywood gerät durch seine Nachforschungen in Lebensgefahr.
(SL)

Der Strafverteidiger Mickey Haller hat für seinen Erfolg mehrere Quittungen bekommen: Durch den permanenten Druck wurde er abhängig von Medikamenten; zwei Ehen scheiterten und zuletzt wurde er auch noch bei einem Mordanschlag schwer verletzt. Mit der Übernahme der Verteidigung des Hollywood-Tycoons Walter Elliot, der des Mordes an seiner jungen Ehefrau und deren Liebhaber beschuldigt wird, begibt sich Haller erneut auf gefährliches Terrain. Als mit allen Wassern gewaschenem Anwalt gelingt es ihm zwar bei dem spektakulären Prozess, die Beweiskette der Staatsanwaltschaft zu erschüttern. Als dann bekannt wird, dass ein Geschworener bestochen wurde, ist Haller jedoch klar, dass er nur benutzt wurde. Haller gerät zuletzt sogar noch in Lebensgefahr... - Das Geschehen ist in dieser Geschichte gut nachvollziehbar. Die Usancen und Besonderheiten des amerikanischen Rechtssystems werden hier umfassend und detailgetreu geschildert. Haller wird als raffinierter, ja skrupelloser Anwalt dargestellt, der aber das Prinzip nicht beugt und letztlich integer ist. Der finale Plot ist überraschend und unerwartet. Das Buch ist sehr gut lesbar, kurzweilig und bietet kluge Unterhaltung. Überall einsetzbar. (Übers.: Sepp Leeb)
Erwin Wieser

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564982

Dahl, Arne:
Dunkelziffer : Kriminalroman / Arne Dahl. - München [u.a.] : Piper, 2010. - 415 S. ; 21 cm – Aus dem Schwed. übers.
ISBN 978-3-492-05350-1 fest geb. : 19,95

Die 14-jährige Emily verschwindet spurlos im Wald. Ihr Verschwinden scheint mit rätselhaften Morden zusammen zu hängen, bei denen Männern die Kehle durchgeschnitten wird.
(SL)

Kinderpornographie ist Thema, das oft aufwühlt, aber Arne Dahl beweist in diesem Kriminalroman einen originellen Umgang mit den damit verbundenen Gefühlen wie Hilflosigkeit und Rachsucht. Auf einer Klassenfahrt verschwindet die 14-jährige Emily im Wald. Die Fahndung nimmt das schon aus früheren Romanen bekannte Stockholmer A-Team um Kerstin Holm auf. In der Gegend sollen drei verurteilte Pädophile wohnen. Als einigen Männern mit Hilfe von Klaviersaiten die Kehle durchtrennt wird, nehmen die Ermittlungen eine unerwartete Wendung. - Dahls bisheriger Erfolg hat sicher auch damit zu tun, dass seine Literatur gleichermaßen U und E ist. Zum einen bietet er einen spannenden Plot, der gerade im zweiten Teil die Ermittler auf immer neue Überraschungen stoßen lässt. Dass diese Wendungen trotzdem plausibel angelegt sind, zeigt Dahls meisterhaftes handwerkliches Können. Zum anderen lässt er immer wieder philosophische Betrachtungen über Sexualität einfließen; diese drehen sich vor allem um die Frage, wie dicht beieinander die schöpferischen und zerstörerischen Kräfte des Menschen manchmal liegen. (Übers.: Wolfgang Butt)
Michael Gellings

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316945

Daschkowa, Polina:
In ewiger Nacht : Roman / Polina Daschkowa. - 1. Aufl. - Berlin : Aufbau, 2010. - 452 S. ; 22 cm – Aus dem Russ. übers.
ISBN 978-3-351-03271-5 fest geb. : 19,95

Ein spannender und aktueller Gesellschaftskrimi aus Russland.
(SL)

Eigentlich arbeitet Olga Filippowa als Ärztin und Psychologin in einer psychiatrischen Klinik. Aber als sie aus dem Fernsehen vom mysteriösen Tod der 15-jährigen Shenja erfährt, muss sie sich einmischen, weil sie der Mord an frühere Fälle erinnert. Filippowa hat an einer Arbeitsgruppe mitgewirkt, die in Russland die Methoden des Profiling einführen sollte und sich mit Serienmorden beschäftigt hat. Nach üblen Erfahrungen und als Mutter von zwölfjährigen Zwillingen wollte sie sich eigentlich nie wieder mit den Abgründen von Kindesmissbrauch beschäftigen, aber es kommt anders als sie denkt. Im Zuge der Ermittlungen trifft sie ihre Jugendliebe wieder und gerät in schlimme Gefahr. - Polina Daschkowa zeichnet ein düsteres Bild der russischen Gesellschaft, geprägt vom Verlust menschlicher Werte im Zusammenleben, beherrscht von Zynismus und Menschenverachtung. Dank der schriftstellerischen Qualitäten Daschkowas (zuletzt: BP 09/105) wird der Krimi zum vielschichtigen gesellschaftskritischen Zeitdokument. Darüber hinaus hat er psychologische Raffinesse und Spannung bis zum Schluss. Lesenswert! (Übers. Ganna-Maria Braungardt)
Marion Sedelmayer

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326936

Gallay, Claudie:
Die Brandungswelle : Roman / Claudie Gallay. - 1. Aufl. - München : btb, 2010. - 557 S. ; 22 cm – Aus dem Franz. übers.
ISBN 978-3-442-75242-3 fest geb. : 21,95

Eine Fremde wächst in die Geheimnisse eines kleinen Fischerdorfs hinein.
(SL)

Eine südfranzösische Ornithologin arbeitet nach dem Tod ihres Mannes in dem winzigen normannischen Fischerdorf La Hague. Lambert sucht dort nach dem Schicksal seiner Familie, die vor 40 Jahren bei einem Bootsunglück ums Leben gekommen war. Bei den unausweichlichen Begegnungen der Menschen entdecken die beiden immer mehr der Fäden, die das Schicksal der einzelnen miteinander verbinden. War das Feuer des Leuchtturms damals ausgeschaltet? Was hat es mit dem Foto des kleinen Jungen auf sich, das die alte Florelle so sehr hütet? Wer weiß was von wem? - Das Buch fordert vom Leser viel Geduld und Beharrungsvermögen, bis sich Gesprächsfetzen und Erinnerungen zu Geschehnissen rekonstruieren lassen. In gewisser Weise muss er sich in die Rolle der Vogelbeobachterin hineinversetzen, die als Fremde in den abgeschlossenen Mikrokosmos eindringt und von den Einheimischen eher misstrauisch beäugt wird. Der Leser wird zum Eindringling in eine von Wetter und Meer bestimmte Welt, die Menschen und Landschaft von La Hague prägt. Er muss die unterschwelligen Spannungen spüren und aushalten, die gedanklichen Irrwege und Schritte zur Seite mitgehen, ehe sich scheinbar Unzusammenhängendes als ein Stück dramatischer Dorfgeschichte entpuppt. Belohnt wird er mit einem fein beobachteten Kaleidoskop menschlicher Verhaltensweisen. Gallay hätte das Thema auch als atemlosen Thriller abhandeln können. Dabei wären aber die Schichtungen in den menschlichen Beziehungen auf der Strecke geblieben. Wer dies der puren Spannung vorzieht, ist mit dieser Lektüre gut beraten. (Übers.: Claudia Steinitz)
Pauline Lindner

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329143

Geil, Joachim:
Heimaturlaub : Roman / Joachim Geil. - 1. Aufl. - Göttingen : Steidl, 2010. - 290 S. ; 22 cm
ISBN 978-3-86930-077-1 fest geb. : 19,90

Eindringlicher Roman um die zerrissenen Seelenzustände eines deutschen Soldaten im Heimaturlaub 1944.
(SL)

Der Autor hat nur wenige Tage der Heimkehr des "Helden" neutral nacherzählt (auch mit Zitaten aus dem Radio-Report, Endsieg-Propaganda, Schlagern) - gleichsam eine psychologische Momentaufnahme des Leutnants Dieter Thomas von der russischen Front im Sommer 1944, die nur eine Woche währt, aber in Zeitlupe jeden Augenblick durch eine Art innerer Monologe fixiert. Das Reizvolle, Erschütternde an diesem Roman ist weniger die Einbettung der äußeren Ereignisse in eine Familiensaga als vielmehr die psychische Verstrickung mit erschreckenden Visionen, Wunschträumen, oft sadistischer oder traumatischer Qualität. Raffiniert und originell wirkt der fließende Wechsel von Realwahrnehmungen des schon entrückten, passiven Pseudo-Helden in Bergzabern mit den bedrängenden Erinnerungen des unmittelbar zurückliegenden Kriegsgeschehens in einem ukrainischen Dorf. So hat der Autor, der als fiktiver Chronist die Briefe Dieters 30 Jahre nach dem Tod seiner Lieblingstante sichtet, daraus zwei vertiefende Erzählstränge geformt: eine tragisch verwehrte Liebesgeschichte und die Geschichte einer schweren Schuld. So kunstvoll der Roman im Aufbau ist, umso sinnlich packender wird der Leser hineingezogen in die Wahrträume und realen Konflikte eines fast namenlosen Soldaten, dessen Tod wenige Wochen später einer grausamen Logik folgt. Die Geschichte auf diesen mehrfachen Ebenen verdichtet sich zunehmend und wird jeden Leser wohl tief berühren.
Harald Grimm

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328934

Jalonen, Olli:
Vierzehn Knoten bis Greenwich : Roman / Olli Jalonen. - 1. Aufl. - Hamburg : Mare, 2010. - 463 S. ; 21 cm – Aus dem Finn. übers.
ISBN 978-3-86648-124-4 fest geb. : 22,00

Wettbewerbsreise entlang des Nullmeridians.
(SL)

Zum Gedenken an Edmond Halley veranstaltete die Memorial Society einen Wettbewerb: Die Umrundung der Erde von Greenwich nach Greenwich, entlang des Nullmeridians. Graham und seine Frau Isla qualifizieren sich im Vorfeld als Teilnehmer. Graham überredet außerdem seinen Studienfreund Petr mitzumachen. In Frankreich stößt nach dem Tod des Vaters auch Petrs Bruder Kari dazu. Der sensible Kari hinterfragt zunächst die strengen Regeln des Wettbewerbs, die die Kontaktaufnahme nach außen verbieten und Fortbewegung auf Transportmittel zu Halleys Zeiten beschränken. Doch ihre Aufgabe zieht alle in ihren Bann, so dass selbst Petrs Tod in Swesda einfach hingenommen wird. Seine Leiche begleitet sie bis zurück nach Greenwich. Da Kari und Isla sich näherkommen, werden sie schließlich zu Wettbewerbssiegern ausgelobt, der Reisebericht im Nachhinein verfälscht, um der Öffentlichkeit eine erinnerungswürdige Darstellung zu liefern. - Der Roman des finnische Erfolgsautors Olli Jalonen setzt sich aus Logbucheinträgen, Berichten aus Petrs Tagebuch und Karis Erzählungen zusammen. Er ist nüchtern und ergreifend zugleich und bietet viel Stoff zum Nachdenken. Sehr zu empfehlen. (Übers.: Stefan Moster)
Tina Schröder

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327004

Jaskulla, Gabriela:
Annas Abschied von der romantischen Liebe : Roman / Gabriela Jaskulla. - 1. Aufl. - Köln : DuMont, 2010. - 303 S. ; 22 cm
ISBN 978-3-8321-9533-5 fest geb. : 19,95

Nachdenklich stimmender Beziehungsroman ohne triviale Rollenklischees.
(SL)

Der Roman setzt ein mit dem Telefongespräch, in dem Anna ihrem Mann William mitteilt, dass sie aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen wird. In der Rückschau wird nun aus der Sicht der von ihrer Ehe enttäuschten Frau die Vorgeschichte, also wie beide sich kennenlernen, schließlich heiraten und sich alsbald immer mehr entfremden, erzählt. Entgegen dem Titel handelt es sich zu keiner Zeit um eine wirklich romantische Liebesbeziehung. Anna, inzwischen nicht mehr ganz jung, will endlich Sicherheit und Perspektive, einen erfolgreichen Mann, den sie bewundern kann und an dessen Seite ihr Leben (auch ohne Kinder) einen Sinn bekommen soll. Dieses "Projekt" erweist sich rasch als die im Titel apostrophierte "romantische" Illusion, denn der Preis, den Anna zahlt, ist hoch: Heuchelei, Fügsamkeit und das Gefühl drückender Abhängigkeit machen ihr immer mehr zu schaffen... - Zum Inhalt dieses alles andere als heiteren Romans passt die nüchterne, präzise Sprache. Knappe lakonische Situationsbeschreibungen dominieren. Die überwiegend verwendete erlebte Rede erlaubt eine intensive, teilweise selbstquälerische Vergegenwärtigung der inneren Befindlichkeit Annas. Ein nachdenklich stimmender Roman einer mittlerweile durchaus arrivierten Autorin (vgl. BP 03/842), der das Lebensgefühl vieler moderner Frauen widerspiegeln dürfte. Empfehlenswert!
Helmer Passon

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564803

Keegan, Nicola:
Schwimmen : Roman / Nicola Keegan. - 1. Aufl. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2010. - 476 S. ; 21 cm – Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-498-03541-9 fest geb. : 19,95

Philomenas exzentrische Familie hat viele Probleme. Durchs Schwimmen kann sie der bedrückenden Realität entkommen.
(SL)

Philomena, die zu ihrem Missfallen Pip genannt wird, ist in eine exzentrische Familie hineingeboren worden, die zudem einige Schicksalsschläge zu verarbeiten hat: Ihre Schwester stirbt an Krebs und ihr Vater stürzt mit seinem Sportflugzeug ab. Die Mutter ist fortan nicht mehr in der Lage, ihren verbleibenden drei Töchtern Halt und Richtung zu geben. Jedes der drei Mädchen reagiert unterschiedlich: Eine wird drogenabhängig, eine wendet sich Christus zu und Pip entdeckt das Schwimmen für sich. Schwimmen bietet ihr die Möglichkeit, die Realität aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen. Und somit ist Nicola Keegans Debüt nicht in erster Linie ein Roman über eine mehrfache Schwimm-Olympiasiegerin, sondern erzählt von den Problemen einer jungen Frau, die ihren Weg im Leben finden muss. Ein interessanter, passagenweise sehr gut erzählter Roman, allerdings auch mit Längen. Trotzdem breit empfohlen. (Übers.: Bernhard Robben)
Nicole Hochgürtel

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321740

Kelly, Elizabeth:
Die verrückten Flanagans : [Roman] / Elizabeth Kelly. - 1. Aufl. - München : Blessing, [2010]. - 399 S. ; 22 cm – Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-89667-403-6 fest geb. : 19,95

Interessant geschriebene Geschichte einer nicht nur im liebenswerten Sinne verrückten Familie.
(SL)

"Die verrückten Flanagans" - die Figuren dieses Romans machen dem Titel alle Ehre. Die hundebesessene, exzentrische Mutter, der trunksüchtige, arbeitsscheue Vater und Onkel Tom, der die zwei Söhne Collie und Bingo versorgt, sie alle benehmen sich ungewöhnlich, absurd, bisweilen abstoßend und auf jeden Fall ganz anders, als der Leser es erwartet. Collie, der ungeliebte ältere Sohn, ist der Ich-Erzähler, und durch seine Brille sehen wir auf das Leben dieser grotesken Familie. Collies rückblickende Beschreibung der Kindheit und Jugend gipfelt in der Erinnerung an den fürchterlichen Unfall, bei dem Bingo ums Leben kommt. Die anschließenden ungerechten Vorwürfe und die unverhohlene Trauer darüber, dass Collie und nicht Bingo der Überlebende ist, werfen den jungen Mann aus der Bahn. - Dieses Romandebüt ist vor allem sprachlich interessant. Hervorstechendes Stilmerkmal ist die überreiche Verwendung von z.T. sehr skurrilen Vergleichen und Wortmalereien, die den exzentrischen Charakter der Protagonisten betonen. Überall! (Übers.: Wolfgang Müller)
Ulrike Braeckevelt

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564969

Kerr, Philip:
Die Adlon Verschwörung : Roman / Philip Kerr. - 1. Aufl. - Reinbek bei Hamburg : Wunderlich, 2010. - 572 S. ; 22 cm – Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-8052-0890-1 fest geb. : 19,95

Ein neuer Fall für Bernie Gunther im Berlin des Jahres 1934 - als Hotel-Detektiv im vornehmen Hotel Adlon.
(SL)

Der britische Autor Philip Kerr hat sich auch bei deutschen Krimifans mit seinen Romanen um den Ex-Polizisten Bernie Gunther (zuletzt: BP 08/350) einen Namen gemacht und wurde schon 1995 und 1997 mit dem Deutschen Krimipreises ausgezeichnet. Seine Spezialität - und das beweist sich auch im neuesten Roman - ist die raffinierte Kombination aus historischen Fakten und unterhaltsamer Fiktion. Der Kriminal-Oberkommissar Bernie Gunther hat nach der Machtergreifung durch die Nazis den Dienst quittiert und kam damit den politischen Säuberungen zuvor. Der leidenschaftliche Ermittler hat sich als Hotel-Detektiv im vornehmen Hotel Adlon am Brandenburger Tor verdingt und mischt sich auch dort einfach wieder einmal zu oft ein. Er kommt üblen Machenschaften beim Bau der Anlagen für die Olympischen Sommerspiele 1936 auf die Spur und verliebt sich in eine amerikanische Schriftstellerin. - Wie gut Kerr im Detail recherchiert, das zeigt sich bei seiner Schilderung der Verwicklung der unterfränkischen Natursteinindustrie in den Korruptionssumpf. Nur wenige Leser werden wissen, dass tatsächlich beim Berliner Olympiastadion Randersackerer Muschelkalk verbaut wurde. Die Spannung bleibt aber auch in diesem Roman bei aller Historie nicht auf der Strecke und auch der zweite Teil, der dann 1954 auf Kuba spielt, hält noch Überraschungen parat. Auch ohne Kenntnis der anderen Bände der Berlin-Noir-Folge absolut empfehlenswerte Lektüre! (Übers.: Axel Merz)
Marion Sedelmayer

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329020

Klein, Georg:
Roman unserer Kindheit / Georg Klein. - 1. Aufl. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2010. - 445 S. ; 21 cm
ISBN 978-3-498-03533-4 fest geb. : 22,95

Ein großer Roman über Kindheit in den frühen Jahren der Bundesrepublik.
(SL)

Was dieses Erinnerungsbuch zu einem überragenden Roman macht, der zu Recht den Literaturpreis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, ist zum einen die unglaubliche Authentizität, die sich natürlich vor allem dem Leser, der diese Zeit selbst erlebt hat, erschließt, zum anderen aber Imagination und Phantastik, die einer kindgemäßen Weltsicht geschuldet sind, in der Reales und Magisches sich manchmal ununterscheidbar vermischen. Wie die sieben Schulkinder in einer Augsburger Vorstadt- und Arbeitersiedlung diese Sommertage und Nächte anfangs der 60er Jahre verbringen, erlebt der Leser hautnah und zugleich öffnet der Roman auch ein bundesrepublikanisches Panorama der 60er Jahre. "Wirtschaftswunderdinge", Alltagssorgen, Liebesgeschichten, Krankheit und Tod bestimmen das Leben der beteiligten Erwachsenen. Im Mittelpunkt dieses "Kinderbandenromans" (Klein) stehen aber die nur für Erwachsene banal wirkenden Sommerferienerlebnisse der sieben Schulkinder, ihre Eltern und ihr unmittelbares, zum Teil höchst sonderbares Umfeld: Kriegsversehrte und Behinderte, durchaus deprimierende Alltagserfahrung in diesen Jahren nach dem Krieg, sind auf geheimnisvolle Weise involviert. Der Autor bedient sich einer ganz eigenen, unverbrauchten, passagenweise hoch artifiziellen Sprache, die Lebensgefühl und Geschehnisse auf faszinierende Weise lebendig werden lässt oder auch bewusst in der Schwebe hält. Ein Kunstgriff ist der permanente Perspektivenwechsel, soll heißen, dass der Autor nicht nur aus der beschränkten Perspektive der jeweiligen Kinder erzählt. Über allem thront ein allwissendes Erzähler-Ich, dessen Identität nicht klar wird, das aber als beobachtende und umsichtig beurteilende Instanz vor allem die den Kindern nicht zugängliche Erwachsenenwelt lebendig werden und eine Aura der Imagination entstehen lässt. An diesem Roman kommt man nicht vorbei!
Helmer Passon

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564903

Köhler, Harriet:
Und dann diese Stille : Roman / Harriet Köhler. - 1. Aufl. - Köln : Kiepenheuer & Witsch, 2010. - 313 S. ; 21 cm
ISBN 978-3-462-04191-0 fest geb. : 19,95

In eine Familiengeschichte eingebundene Reflexionen über Schuld und Verantwortung, v.a. aber über die letzten Fragen im Leben des Menschen.
(SL)

Jürgen, selbst schon 68 Jahre alt, fährt nach Hause zu den Eltern, weil seine Mutter im Sterben liegt. Nach deren Tod kümmert er sich nun um den 95-jährigen Vater. Der bisher recht selbständige Mann wurde jedoch durch das Ableben seiner Frau völlig aus der Bahn geworfen. Er verfällt in Depressionen, vernachlässigt sich und wird letztendlich selbst zu einem Pflegefall. Jürgen tut, was er kann, sieht sich aber zunehmend durch die Haushaltsführung, besonders aber durch die oft unerträglichen Launen und den Pflegeaufwand für den Vater überfordert. Nicki, der Enkel, möchte und kann sich nicht in diese schwierige Problematik einbringen. So arbeiten sich Vater und Sohn zunehmend aneinander ab. Vergangenes wird immer wieder aufgekocht, Schuld angerechnet und dadurch ständig neue Wunden geschlagen. Als der alte Mann wenige Monate nach seiner Frau ebenfalls stirbt, finden wenigstens der Vater und sein Sohn Nicki eine neue, tragfähige Beziehung zueinander. - Ein sehr bedrückender Roman, der nicht nur Gefühle wie Angst, Schmerz und die Einsamkeit des Alters thematisiert, sondern in dem auch der Verlust von Lebensenergie und letztendlich der Tod ständig präsent sind. Literatur, die den Leser fordert, aber auf ganz ausgezeichnete, lohnende Weise.
Josef Schnurrer

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564723

Lark, Sarah:
Das Gold der Maori : Roman / Sarah Lark. - Orig.-Ausg., 1. [Aufl.]. - Köln : Lübbe, 2010. - 749 S. : Kt. ; 22 cm
ISBN 978-3-7857-6024-6 kt. : 14,99

Getrennte und wiedergefundene Liebe in Irland, Australien und Neuseeland des 19. Jahrhunderts.
(SL)

Irland 1846: Mary Kathleen liebt gegen den Willen ihrer Eltern den Draufgänger Michael. Als sie ein Kind von ihm erwartet, raubt Michael Getreide, um schwarz Whisky zu brennen und mit Mary nach Amerika auswandern zu können. Doch er wird überführt und nach Australien verbannt. Verzweifelt heiratet Kathleen den Rosstäuscher Ian, mit dem sie nach Neuseeland auswandert. Auch Lizzie, die sich als Hure durchschlägt, wird beim Diebstahl erwischt und deportiert. Auf dem Schiff kümmert sie sich um den kranken Michael und verliebt sich in ihn. Sie verhilft ihm zur Flucht nach Neuseeland. Nach langen Jahren begegnen sich Kathleen und Michael wieder. Doch beide müssen einsehen, dass sie sich verändert haben. - Gekonnt versetzt Sarah Lark ihre Protagonisten in die Zeit der Besiedelung Neuseelands. Sie beschreibt Bräuche der Maori, den Goldrausch und den Kampf ums Überleben. Leicht und lebendig, durchaus zu empfehlen.
Tina Schröder

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325708

Leky, Mariana:
Die Herrenausstatterin : Roman / Marianne Leky. - 1. Aufl. - Köln : DuMont, 2010. - 206 S. ; 22 cm
ISBN 978-3-8321-9577-9 fest geb. : 18,95

Ein reichlich skurriler Roman über eine emotional mitgenommene Frau, ihren sonderbaren Liebhaber und einen wieder zum Leben erwachten Toten.
(SL)

Katja, die Ich-Erzählerin dieses Romans, ist mit Jakob verheiratet. Als er sie wegen einer Anderen verlässt, verfällt sie in eine Art Depression. Dieser Zustand verschärft sich, weil Jakob wenig später von einem Auto angefahren wird und an seinen Verletzungen stirbt. Für Katja völlig überraschend sitzt eines Tages ein gewisser Dr. Blank in ihrem Badezimmer. Seltsam daran ist zudem, dass der Mann eigentlich schon tot und nur noch für die junge Frau zu sehen ist. Sie unterhalten sich, essen und wohnen zusammen, so dass Katja durch den weisen Dr. Blank einen neuen Zugang zum Leben gewinnt. Wenig später taucht in Armin eine weitere eigenartige Person bei Katjas auf. Der etwas schräge Feuerwehrmann möchte bei ihr einen nicht vorhandenen Brand löschen. Katja verliebt sich in den kleptomanisch veranlagten Typen. Zu dritt machen sie eine Reise nach Holland. Zu einem tiefgreifenden Zerwürfnis kommt es, als Katja von Armin schwanger wird und dieser die Vaterschaft ablehnt. Dr. Blank kann noch verhindern, dass die Frau abtreibt, beginnt sich aber schon zusehends aus dem "Leben" zu verabschieden. Am Ende hinterlässt er Katja noch eine Art Testament, das der jungen Mutter neue Perspektiven eröffnet. - Eine Parabel über das Finden, Verlieren und Wiederfinden der Liebe. Wie im Märchen werden Realitäten außer Kraft gesetzt. Leben und Tod verlieren ihre Bedeutung, bzw. gewinnen sie neu. Ein Roman voller geheimnisvoller Brüche und Überraschungen.
Josef Schnurrer

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564929

Lévy, Justine:
Schlechte Tochter : Roman / Justine Lévy. - 1. [Aufl.]. - München : Kunstmann, 2010. - 175 S. ; 20 cm – Aus dem Franz. übers.
ISBN 978-3-88897-643-8 fest geb. : 17,90

Berührender Roman über eine traumatische Mutter-Tochter-Beziehung.
(SL)

Die junge Autorin, Tochter des französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy und des ehemaligen Models Isabelle Doutreluigne, erzählt in diesem z.T. autobiografischen Roman von dem dreifachen Trauma einer jungen Mutter. Es ist zunächst das Trauma einer von ihrer Mutter vernachlässigten Tochter, die ihre ebenso schöne wie leichtfertig-egozentrische Mutter bewundert, um deren Liebe und Zuwendung sie meist vergeblich kämpft; die dann unter Schuldgefühlen leidet, als sie erwachsen ist, weil sie sich der todkranken Mutter nicht öffnen, ihr nicht einmal ihre Schwangerschaft gestehen und ihr bis zum Sterbebett hin keine liebende Tochter sein kann. Und schließlich lässt sie die Angst nicht los, ihrem noch ungeborenen bzw. gerade geborenen Kind eine ebenso schlechte Mutter zu werden wie ihre eigene es für sie war. Wie um diese obsessive Angst zu bestätigen, fällt es ihr z.B. schwer, während ihrer Schwangerschaft auf Rauchen und Tablettenkonsum zu verzichten. Dieser kurze Roman, formal ein permanenter innerer Monolog, in dem die Erzählerin in der Rückschau über ihr Leben reflektiert, ist unglaublich berührend, aber nie kitschig, klug, aber nie konstruiert, in der Sprache unprätentiös, aber dennoch von höchster Intensität und Meisterschaft. Ein berührender Roman, den man gelesen haben sollte! (Übers.: Claudia Steinitz)
Helmer Passon

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564965

Mazetti, Katarina:
Mein Leben als Pinguin : Roman / Katarina Mazetti. - Berlin : Ullstein, 2010. - 295 S. ; 20 cm – Aus dem Schwed. übers.
ISBN 978-3-550-08784-4 fest geb. : 16,95

Die optimistische Wilma und der tief verletzte Journalist Tomas begegnen sich auf einer Reise in die Antarktis.
(SL)

Für Wilma geht mit der Reise auf der MS Orlowskij in die Welt der Antarktis ein großer Wunsch in Erfüllung. Gleich zu Anfang fällt sie tollpatschig dem Journalisten Tomas vor die Füße. Der zeigt sich zuerst einmal irritiert, dann amüsiert. Langsam erwärmt er sein Herz für die allein reisende Lehrerin, nicht ohne immer wieder mürrisch und verletzend zu werden. Wilma bleibt weiterhin die unverbesserliche Optimistin, welche der Reise und dem Leben selbst hauptsächlich die guten Seiten abzutrotzen weiß. Die dritte im Bund der faszinierenden Reisenden stellt die betagte Alba dar. Im Nu durchschaut sie die beiden jungen Leute. Wohlwollend nimmt sie Wilma ein bisschen unter ihre Fittiche. Diese wiederum kümmert sich zaghaft um den traurigen Tomas, der sie notwendig braucht, ohne das zugeben zu wollen. Aus dem Blickwinkel verschiedener Reisender, hauptsächlich Tomas, Wilma und Alba, erlebt der Leser die eisige Welt der Antarktis. Die Schicksale und Eigenheiten verschiedener Passagiere an Bord und ihre Art, damit umzugehen werden mit leichter Hand, voller Witz und Mitgefühl beschrieben, so dass man oft herzlich lachen kann, obwohl die ernsten Untertöne keinesfalls fehlen. Für alle Büchereien. (Übers.: Katrin Frey)
Martina Mattes

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564835

Mähr, Christian:
Alles Fleisch ist Gras : Roman / Christian Mähr. - 1. [Aufl.]. - Wien : Deuticke, 2010. - 397 S. ; 21 cm
ISBN 978-3-552-06127-9 fest geb. : 19,90

Dipl.-Ing. Galba entdeckt die perfekte Art der Entsorgung unerwünschter Leichen, leider mit für ihn unangenehmen Folgen.
(SL)

Am Anfang war der Seitensprung, doch was daraus resultiert, wächst Anton Galba, Leiter der Abwasserreinigungsanlage Dornbirn im Vorarlberg, allmählich über den Kopf. Den ihn erpressenden Kollegen wollte er eigentlich nur schubsen, doch dessen Sturz endet tödlich. Der Häcksler für die Fleischabfälle ist für die Beseitigung des Körpers ideal, doch das Verschwinden des Mannes bleibt natürlich nicht unbemerkt. Chefinspektor Nathanel Weiß, ein ehemaliger Schulkamerad Galbas, ermittelt und kommt Galba drauf, aber die Dinge entwickeln sich nicht im landläufigen Sinne. Weiß erkennt das Potential der spurlosen Körperbeseitigung und nutzt dieses Wissen nun für eigene Zwecke. Die Dornbirner Honoratioren mit Dreck am Stecken müssen um ihr Leben bangen, denn ein Femegericht sinnt auf Gerechtigkeit und geht dafür über Leichen. - Dass die Österreicher sich auf herrlich schräge Krimis verstehen, haben sie mit Heinrich Steinfest und Wolf Haas hinlänglich bewiesen, Mähr reiht sich da nahtlos ein. Seine Geschichte vom armen Ingenieur, der bald nicht mehr weiß, wie ihm geschieht, läuft allen Erwartungen an einen herkömmlichen Krimi zuwider. Die Story schlägt unerwartete Kapriolen bis zum völlig überraschenden Schluss, und das alles erzählt Mähr geschliffen elegant und niveauvoll. Dabei verteilt er gleich noch ein paar Watschen Richtung österreichische Kommunalpolitik und lässt beim Leser das leicht unbehagliche Gefühl zurück, dass Verbrechen sich vielleicht doch lohnt. Ein intellektuelles Lesevergnügen!
Beate Mainka

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564932

Morrison, Toni:
Gnade : Roman / Toni Morrison. - 1. Aufl. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2010. - 217 S. ; 21 cm – Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-498-04512-8 fest geb. : 18,95

Anrührendes Meisterwerk der amerikanischen Nobelpreisträgerin über Frauenschicksale im Nordamerika des 17. Jh.
(SL)

Der Holländer Jakob Vaark erbt Ende des 17. Jh. eine Farm in Nordamerika, die er zusammen mit seiner in England "gekauften" Ehefrau und drei Sklavinnen recht und schlecht bewirtschaftet. Der Tod dieses menschenfreundlichen Farmers birgt den Keim der Zerstörung in sich und das anfangs labile, dann zunehmend einträchtige Zusammenleben der höchst unterschiedlichen Personen findet ein abruptes Ende. Toni Morrison lässt die Protagonisten jeweils aus ihrer individuellen Perspektive erzählen und erreicht damit, dass dem Leser das Schicksal dieser wenigen Menschen unmittelbar ergreifend und lebensnah vor Augen steht. Die Qualität des Romans beruht aber auch darauf, dass Morrison zugleich ein vielschichtiges Panorama der damaligen nordamerikanischen Gesellschaft entwirft. Es ist die sich um 1700 allmählich entwickelnde Sklavenhaltergesellschaft, die die Würde des Menschen - und vor allem der Frauen - mit Füßen tritt und die sich nichtsdestotrotz mit einem rigiden Glaubensfanatismus verträgt; und es ist eine Gesellschaft, in der viele Menschen noch in bitterster geistiger und materieller Armut leben, in der Geisterglaube und andere Formen von Aberglaube noch weit verbreitet sind. Der Roman offenbart im Guten wie im Bösen die ganze Bandbreite menschlichen Verhaltens, wobei aber die Grenze zwischen "gut und böse" nicht entlang von Glaubens-, Geschlechter- oder Rassengrenzen verläuft. Insofern ein sehr weises Buch, das zudem weniger pessimistisch gestimmt ist als Morrisons berühmter Roman "Menschenkind" (dnb-BP 90/497). Der amerikanischen Nobelpreisträgerin ist mit "Gnade" wiederum ein sehr poetisches, im Detail fesselndes und in der großen Linie zwingendes Meisterwerk gelungen. Man legt es nicht mehr aus der Hand, auch wenn es eine sorgfältige und konzentrierte Lektüre verlangt. (Übers.: Thomas Piltz)
Helmer Passon

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318503

Muñoz Molina, Antonio:
Mondwind : Roman / Antonio Muñoz Molina. - 1. Aufl. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2010. - 334 S. ; 21 cm – Aus dem Span. übers.
ISBN 978-3-498-04508-1 fest geb. : 19,90

Erlebnisse eines Heranwachsenden in einem spanischen Dorf zur Zeit der Apollo 11 Mission.
(SL)

Juli 1969. Apollo 11 startet zum Mond. Fasziniert von diesem Ereignis verfolgt ein dreizehnjähriger Junge in der spanischen Provinz die Eroberung des Mondes und träumt davon, selbst einmal Astronaut zu werden. Doch das scheint nicht mehr zu sein als eben ein Traum. Seine Familie lebt weitgehend von der Landwirtschaft und wohnt im ärmsten Viertel des Dorfes. Immerhin besucht der Junge das Salesianerkolleg, ein Ort der Strenge, der Rückwärtsgewandtheit und der Unterdrückung, aber auch eine Chance, der kleinen Welt zu entkommen. Der Autor verknüpft den Aufbruch in den Weltraum mit der Pubertät der Hauptfigur, mit seinem Aufbruch in ein neues, eigenständiges Leben. Dabei gelingen poetische Parallelen, die die Weite des Universums und die Enge menschlichen Lebens miteinander verbinden. Ein Buch, das seine Charaktere und ihr Umfeld so realistisch zeichnet, dass ein Stück spanischer Realität, das heute weitgehend verloren gegangen ist, mit seinen Licht- und seinen Schattenseiten wieder aufersteht. Für Leser/innen anspruchsvoller Unterhaltung gerne empfohlen. (Übers.: Willi Zurbrüggen)
Walter Brunhuber

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327187

Nunn, Judy:
Gezeiten des Schicksals : Roman / Judy Nonn. - Frankfurt am Main : Krüger, 2010. - 559 S. : Kt. ; 22 cm – Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-8105-1318-2 fest geb. : 18,95

Der Meeresbiologe Mike wird von seiner Vergangenheit eingeholt und muss sich für oder gegen seine Jugendfreunde entscheiden.
(SL)

Der junge Mike McAllister lernt in der Schule und an der Universität Ian, Muzza und Spud kennen. Obwohl die Jungs grundverschieden sind, beginnt eine Männerfreundschaft, die ein ganzes Leben lang halten kann. Die Vier teilen ein Geheimnis: Sie fühlen sich mitschuldig am Tod einer jungen Frau. Mike findet in Johanna die Liebe seines Lebens, doch seine Karriere ist ihm wichtiger. Johanna verlässt ihn und verschwindet spurlos. Erst nach Jahren treffen die beiden sich wieder. Schließlich holt die Vergangenheit die vier mittlerweile reifen Männer ein und Mike muss sich für oder gegen seine Freunde entscheiden. Eine wundervolle Erzählung rund um die australische Küste, um Männerfreundschaften, um Liebe und um Umweltverschmutzung. Leicht und flüssig geschrieben. Für alle Bestände sehr zu empfehlen. (Übers.: Marion Balkenhol)
Pia Jäger

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316639

Paasilinna, Arto:
Vom Himmel in die Traufe : Roman / Arto Paasilinna. - 1. [Aufl.]. - Bergisch Gladbach : Ehrenwirth, 2010. - 271 S. : 21 cm – Aus dem Finn. übers.
ISBN 978-3-431-03800-2 fest geb. : 18,99

Das Leben eines arbeitslosen Holzfällers ändert sich grundlegend, als er einer reichen Firmenchefin das Leben rettet.
(SL)

Hermanni Heiskari sitzt hoch im Norden Finnlands vor einem Eisloch, um zu fischen, als ihm Lena Lundmark, deren Ballon havariert zu Boden geht, gleichsam in den Schoß fällt. Mitten in der Wildnis kümmert sich der einfache, aber attraktive Mann um die verletzte Frau, bringt sie auf langen Wegen ins Krankenhaus und hört zunächst nichts mehr von ihr. Eines Tages jedoch taucht Ragnar Lundmark auf, ein Onkel Lenas, und erklärt, er habe den Auftrag, ein Jahr lang Hermanni zu begleiten und ihm alle Wünsche zu erfüllen. Seine eigentliche Aufgabe aber ist es, aus dem tölpelhaften Holzfäller einen echten Mann von Welt zu machen. Ein nicht ganz einfacher Job, der im Lauf der Monate jedoch Früchte zeigt. Hermanni lernt Englisch in London, absolviert einen Tanzkurs und zeigt mit der Zeit beachtenswerte Manieren. Daneben verfolgt der ehemals Arbeitslose aber ein eigenes Ziel. Er möchte alle Arbeitslosen Finnlands zu einem Aufstand führen. Am Schluss wird natürlich nichts aus diesen Plänen. Lena, deren Reichtum von der Wirtschaftkrise deutlich reduziert wurde, kann deshalb bedenkenlos Hermanni heiraten und sich mit ihm auf eine Ballon-Hochzeitsreise begeben. - Ein witzig bis aberwitziges Buch, das durch seine absurd komischen Einfälle einen hohen Unterhaltungswert entwickelt. Nebenbei eine Art Märchen, in dem ein unbedarfter "Frosch" von einer "Prinzessin" zum geliebten "Prinzen" erweckt wird. Nicht nur für Leser, die den finnischen Humor schätzen! (Übers.: Regine Pirschel)
Josef Schnurrer

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321752

Perlman, Elliot:
Drei Dollar : Roman / Elliot Perlman. - 1. Aufl. - München : Dt. Verl.-Anst., 2010. - 409 S. ; 22 cm – Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-421-04371-9 fest geb. : 22,95

Der hoffnungsvolle Chemieingenieur Eddie schafft wegen der Wirtschaftskrise den sozialen Aufstieg leider doch nicht.
(SL)

Bert Brecht siedelte seinen Arturo Ui in Amerikas Wirtschaftskrise an. Unwillkürlich erinnert das Leben Eddies an dieses Drama, schwingen doch in den persönlichen Schicksalsschlägen der jungen australischen Akademikerfamilie im Hintergrund immer die negativen Auswirkungen der Globalisierung mit. Befristete Jobs an der Uni, Personaleinsparungen bei Staatsbediensteten - trotz Doktorarbeit und Diplom bewegen sich Eddie und Tanya immer am Rande des Prekariats, seit sie sich als hoffnungsvolle Studenten begegneten. Auf diesem dünnen Eis eskalieren Beziehungskonflikte ins Existenzielle. Perlman macht sie an den Begegnungen Eddies mit seiner Jugendliebe Amanda fest. In Kindertagen sabotiert Amandas Mutter die Freundschaft wegen sozialen Gefälles; unerreichbar bleibt Amanda für Eddie in der Uni-Mensa, bis er ihr schließlich als Arbeitssuchender in einer Agentur wieder begegnet. Mit noch genau drei Dollar in der Tasche. - Mit viel ironischer Distanz berichtet der Ich-Erzähler Eddie von seinem vermeintlichen Weg nach oben. Wie ihm und seiner Frau der berufliche Idealismus zum Verhängnis wird. Sein neuer Chef hätte nicht der Ex-Liebhaber seiner Frau sein müssen. Das ist nur das i-Tüpfelchen auf einem Charakter, der um Macht und Geld weiß. In dieser brüchigen Welt der nicht-arrivierten Bildungselite rührt am meisten die Gestalt des Trinkers an, der Eddie die Kniffe des Überlebens, aber auch den Wert der Solidarität lehrt. Perlman meidet im Gegensatz zum erwähnten Brecht die plakativen Töne der agitierenden Literatur. Und dennoch legt er mit der gleichen Schärfe den Finger auf die Wunden der Zeit. Ein liebens- und bedenkenswertes Buch. (Übers.: Henning Ahrens)
Pauline Lindner

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328120

Rinke, Moritz:
Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel : Roman / Moritz Rinke. - 1. Aufl. - Köln : Kiepenheuer & Witsch, 2010. - 482 S. ; 21 cm
ISBN 978-3-462-04190-3 fest geb. : 19,95

Die Wiederbegegnung mit der Heimat regt einen Mittdreißiger zur kritischen Sicht auf seine Kindheit an.
(SL)

Wenn der erfolgreiche Gegenwartsdramatiker Moritz Rinke (* 1967) seinen episodenreichen, durch bizarre Einfälle charakterisierten Debütroman u.a. dem "alten Weltdorf" widmet, ist sein Geburtsort Worpswede gemeint. In der "am Rande des Teufelsmoors" gelegenen Künstlerkolonie ist auch Rinkes Protagonist Paul aufgewachsen, der sich in Berlin als Galerist versucht. Als er von seiner auf Lanzarote ein "Bewusstseinsstudio" führenden Mutter erfährt, beider Erbe drohe im Moor zu versinken, reist der 35-Jährige unverzüglich in den Norden. Weil ihm sein Großvater nicht nur ein Haus, sondern auch einen Park mit selbst geschaffenen Skulpturen hinterlassen hat, obliegt es Paul, bronzene Persönlichkeiten wie Luther, Nietzsche, Rilke, Willy Brandt in Sicherheit zu bringen. Da während der erfolglosen Haussanierung zwei überlebensgroße Figuren im Moor gefunden werden, die Reichsminister des NS-Regimes darstellen, entsteht bezüglich der Entsorgung hektische Betriebsamkeit. Obwohl Paul versucht, das Geschehen distanziert zu betrachten, wird er von widersprüchlichen Empfindungen überrascht, die mit Erlebnissen aus seiner Kindheit zusammenhängen. Dass die Begegnung mit der eigenen Vergangenheit zur Konfrontation mit bislang verdrängten Konflikten führen kann, verdeutlicht Rinke in seinen z.T. ironischen, Fiktives mit Realem verbindenden Geschichten, die in ihrer Gesamtheit einen in sich geschlossenen, unterhaltsamen Roman ergeben. Lesenswert.
Kirsten Sturm

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327038

Röggla, Kathrin:
Die Alarmbereiten / Kathrin Röggla. - Frankfurt am Main : S. Fischer, 2010. - 188 S. : Ill. ; 21 cm
ISBN 978-3-10-066061-9 fest geb. : 18,95

Experimenteller Roman, der den sprachlichen Umgang des alarmbereiten modernen Menschen mit Katastrophenszenarien demonstriert.
(SL)

Bei diesem experimentellen "Roman" der viel beachteten österreichischen Autorin handelt es sich um unverbunden nebeneinanderstehende szenische Texte, die mit ihrer durchgehenden indirekten Rede (auch in ihrer Qualität!) deutlich an die bekannten Tiraden ihres Landsmanns Thomas Bernhard erinnern. Zwar sind sie fast alle nach mehr oder weniger gleicher Machart verfertigt: jeweils weibliche Figuren berichten von unterschiedlichen Gesprächssituationen, die zum Teil auf beklemmende Weise Tribunalcharakter annehmen können, z.B. wenn die Mutter einer Grundschülerin sich vor einer Klassenelternversammlung für das Verhalten ihrer Tochter rechtfertigen soll. Dennoch gibt es keine durchgehende Romanhandlung, die Personen wechseln jeweils, die einzelnen Szenen bauen nicht aufeinander auf. Was die sieben Einzelszenen - jede für sich genommen würde sich gut als Hörspielvorlage eignen - miteinander verbindet, ist die Thematik, die im Titel angedeutet wird. Der moderne Mensch ruht nicht mehr in sich selbst, wird von den Medien permanent durch Katastrophenszenarien beunruhigt und befindet sich infolgedessen in fortwährender Abwehr- und Alarmbereitschaft, ohne sich freilich wirklich wehren zu können. Bankenkrise, Klimakatastrophe, Virusepidemien oder schlichtes Elternversagen... verunsichern viele Menschen zutiefst. Diesem mediengeschürten perpetuum mobile von Phrasen der Bedrohung, der sublimen oder panischen Verängstigung samt der entsprechenden Beschwichtigungsmetaphorik kann man sich kaum mehr entziehen - weder in der Realität noch in diesem "Roman"! Ein Buch, das beängstigend präzise die desolate seelische und geistige Verfassung vieler moderner Menschen beschreibt. Für ambitionierte Leser zu empfehlen!
Helmer Passon

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321760

Smith, Alexander McCall:
Mma Ramotswe und der verschollene Bruder : Roman / Alexander McCall Smith. - München : Heyne, 2010. - 285 S. ; 22 cm – Aus dem Engl. übers.
ISBN 978-3-453-26569-1 fest geb. : 18,95

Mit Mma Ramotswes Hilfe findet eine junge Frau, die nach der Herkunft ihrer Vorfahren suchen möchte, schließlich die Liebe ihres Lebens.
(SL)

Mma Precious Ramotswe ist die einzige Privatdetektivin in Gaborone, Botswana. Klassische Kriminalfälle wie Mord und Diebstahl sind aber nicht ihr Metier. Die soll die Polizei lösen! Mma Ramotswe kümmert sich um zwischenmenschliche Probleme, redet mit den Leuten, findet heraus, was möglicherweise geschehen sein könnte und kommt so fast immer zu praktikablen Lösungen. So auch bei Manka Sebina, die wissen möchte, wer ihre wirkliche Mutter ist. Mma Ramotswe beginnt daher die Nachforschungen im Heimatdorf der jungen Frau, wo sie auf vollkommen widersprüchliche Aussagen trifft. Nach einiger Zeit aber stellt sich heraus, dass Manka Sebina die Tochter einer inzwischen verstorbenen Mörderin ist, die aus Verzweiflung über die Brutalität ihres Mannes diesen tötete. Die beiden Kinder, Manka und ihr Bruder, wurden zur Adoption freigegeben. Als nächstes sucht Mma Ramotswe selbstverständlich nach dem Bruder... - Ein Krimi, der ohne Spannung und Dramatik auskommt, den Leser angenehm unterhält und nebenbei das Lebensgefühl und die Lebensweise afrikanischer Menschen wiedergibt. Für alle Büchereien. (Übers.: Verena Kilchling)
Josef Schnurrer

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329177

Stassi, Fabio:
Die Trophäe : Roman / Fabio Stassi. - Dt. Erstausg. - Zürich : Kein & Aber, 2010. - 283 S. ; 19 cm
ISBN 978-3-0369-5540-7 fest geb. : 19,90

Die Siegertrophäe der ersten Fußballweltmeisterschaft ist das Ziel der Begierde eines jungen Mannes, erkennt er doch darin das Abbild seiner Angebeteten.
(SL)

Im Paris der 20er Jahre verliebt sich der junge Rigoberto unsterblich in die schöne Andalusierin Consuelo. Aber die Schöne verschwindet bald auf mysteriöse Weise auf immer. Rigoberto ist untröstlich. Er weiß jedoch, dass Consuelo für die Weltmeisterschaftstrophäe Modell gestanden hat. Nun setzt er alles dran die berühmte Statuette zu stehlen. Doch das Objekt seiner Begierde wird meistens zu gut bewacht. Erst als Brasilien zum vierten Mal Weltmeister wird und die Trophäe endgültig im Land bleibt, ist der Coup plötzlich ganz leicht. Rigoberto zieht sich, nun als alter Mann, in ein abgelegenes Refugium in Südamerika zurück. - In dieser Geschichte wird die Irrfahrt eines Phantasten rund um den Globus geschildert, der seinen Traum lebt und sich durch nichts von seinem Ziel abbringen lässt. Es gibt immer wieder Zeitsprünge, v.a. wenn die Taten und Erlebnisse seiner Vorfahren geschildert werden. Das ist aber alles so unterhaltsam erzählt, dass keine Irritationen aufkommen. Die Jagd nach der Trophäe ist auch eine Geschichte des 20. Jh. mit seinen Tragödien und Kriegen. Ein wunderbares Buch, überall einsetzbar und für Fußballfreunde besonders interessant. (Übers.: Monika Köpfer)
Erwin Wieser

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564722

Thomas, Charlotte:
Der König der Komödianten : historischer Roman / Charlotte Thomas. - Orig.-Ausg., 1. [Aufl.]. - Köln : Ehrenwirth, 2010. - 699 S. : Ill. ; 22 cm
ISBN 978-3-431-03807-1 fest geb. : 22,99

Der historische Roman entführt die Leser in die Welt des Improvisationstheaters - der späteren Commedia dell' Arte - im Venetien am Ende des 16. Jahrhunderts.
(SL)

Nach dem Tod seines Onkels flüchtet der junge Marco Ziani 1594 aus dem Kloster, in dem er auf seine Volljährigkeit warten soll. Er, der das Vermögen seines Onkels erben soll, glaubt, unter den Mönchen ein Mordkomplott aufgedeckt zu haben, dem er zum Opfer fallen soll. Unterschlupf findet er bei einer Theatergruppe, die bald sein Talent als Autor erkennt. Doch wie auch in seinem eigenen Leben wird aus der Tragödie, die er anfangs zu schreiben versucht, dann doch eine Komödie ... Mit Witz, Spannung, viel Sachwissen, und der ganz im Stil der Commedia dell' Arte herrlich verschachtelten Geschichte in der Geschichte erzählt Charlotte Thomas von dem naiven, unbedarften Marco, dem man aber gerade wegen seiner mangelnden Lebenserfahrung und seines völlig fehlenden Talents zum Schauspiel schnell ins Herz schließt. Und dass trotz aller Verwechslungen und Verwirrungen schließlich nicht nur die Liebespaare in Marcos Stück, sondern auch die im wahren Leben zueinander finden, kommt einem nicht von ungefähr sehr bekannt vor, treibt doch - wenn auch nur von Ferne - ein gewisser Will aus London immer wieder sein Unwesen in Marcos Theaterwelt und seinem Stück: "Wie es euch gefällt." Ein äußerst vergnügliches Leseabenteuer vor der malerischen Kulisse Venedigs, das man ohne Bedenken auch jungen Lesern in die Hand geben kann.
Traudl Baumeister

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326973

Tokarjewa, Viktorija:
Der Baum auf dem Dach : Roman / Viktorija Tokarjewa. - 1. [Aufl.]. - Zürich : Diogenes, 2010. - 199 S. ; 19 cm – Aus dem Russ. übers.
ISBN 978-3-257-06749-1 fest geb. : 19,90

Einfühlsamer Roman über eine starke Frau, die mit großen Opfern, aber letztlich erfolgreich ihr Ziel erreicht.
(SL)

Es scheint alles perfekt: Vera erfüllt sich ihren Lebenstraum und wird Schauspielerin, heiratet den Mann den sie liebt und wird, als einst einfaches Mädchen, in eine Professorenfamilie aufgenommen. Doch der Krieg und die Belagerung Leningrads zerstören das Glück: Ihre Schwiegereltern sterben wie so viele in der Stadt und ihr Mann Alexander hätte sie beinahe getötet für einen Lebensmittelgutschein. Aber Vera ist zäh und kann sich schließlich in Moskau einen Weg bahnen, an der Seite eines weiteren Alexanders. Von ihm, der sich eigentlich nicht binden will, wird sie schwanger und in die Familie aufgenommen. Zufrieden mit ihrer Rolle als Mutter des geliebten Jungens und Geliebte wähnt sie sich in Glückseligkeit, bis plötzlich Lena, eine junge, attraktive Drehbuchautorin, erscheint und das Herz ihres Mannes im Sturm erobert. Ein hartnäckiger Kampf um Alexander beginnt, doch fordert er auch viele Opfer. Ihr kleiner Liebling stirbt, noch einmal muss sie Stärke zeigen, obwohl sie daran zerbricht. Zu spät erkennt Alexander die wahre Schönheit von Vera. - Poetisch, sensibel und anrührend schildert der Roman die Geschichte einer starken, großherzigen Frau, die unbeirrbar ihren Lebensweg verfolgt, und führt dabei durch das Russland und seine Gesellschaft im 21. Jh. Mit Witz und Melancholie nimmt der Leser Teil an den Schicksalen, insbesondere der überzeugend dargestellten Frauen. Plastisch wirken dabei die Charaktere, insbesondere der Protagonistin, in deren Geschichte sich mühelos einfühlen lässt - ein bittersüßer Lesegenuss (Übers.: Angelika Schneider).
Sonja Schmid

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Walser, Martin:
Mein Jenseits : Novelle / Martin Walser. - 1. Aufl. - Berlin : Berlin University Press, 2010. - 119 S. ; 22 cm
ISBN 978-3-940432-77-3 fest geb. : 19,90

"Mein Jenseits": Martin Walsers neue Novelle aus der Werkstatt der Letzten Dinge.
(SL)

Bürger mit verpasstem Leben auf der Suche nach sich selbst: Diesem typischen Walser-Szenario ist eine Novelle entsprungen, die sich leichthändig liest und es doch in sich hat. Augustin Feinlein ist Leiter eines psychiatrischen Krankenhauses in Baden-Württemberg, ein Mann kurz vor der Pensionsgrenze, der im Alter von 63 aufgehört hat, seine Geburtstage zu zählen. Stattdessen denkt er über den Glauben nach und legt die christlichen Zeichen und Bilder aus, zum Beispiel die Bilder von Caravaggio, dem es gelungen ist, Eva und Maria in ein Bild zu bringen. Eva-Maria heißt demgemäß Feinleins alte Liebe, die ebenso sportlich wie im Lateinischen versiert ist und, nach der Ehe mit einem Grafen, den Oberarzt Dr. Bruderhofer heiratet, der nur darauf lauert, Feinlein zu beerben. Das Krankenhaus war früher ein Kloster, der letzte Abt ein Vorfahre Feinleins, und auch das zentrale Symbol der Novelle stammt aus dem Christentum: eine Blutreliquie, die Feinlein aus der Sakristei stiehlt. Am Ende wird der Arzt zum Patienten in seiner eigenen "Kloster-Klinik". Auf diese Weise spinnt Walser ein feines Netz mit theologischen und symbolischen Verweisen. Trittsicher erzählt er vom Schicksal des Glaubens zwischen Wirklichkeit und Gefühl, Wahrheit und Falschheit, Wort und Zeichen, überzeugt davon, dass der "Glauben die Welt schöner macht als das Wissen". Oder mit anderen Worten: "Glauben heißt, die Welt so schön machen, wie sie nicht ist." Auch jenseits solcher Aphorismen, von denen man sich blenden oder belehren lassen kann, hat Walser ein nachdenkliches Glaubensbekenntnis in Novellenform geschrieben, das neugierig macht auf den angekündigten Folgeroman "Muttersohn". Nicht das beste, aber in jedem Fall ein lesenswertes Walser-Buch, gut für alle Bestände.
Michael Braun

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329045

Zahno, Daniel:
Rot wie die Nacht : Roman / Daniel Zahno. - 1. Aufl. - Frankfurt am Main : Weissbooks, 2010. - 20 cm : Ill. ; 20 cm
ISBN 978-3-940888-47-1 fest geb. : 17,90

Poetische, schwärmerisch-melancholische Dreiecksgeschichte zwischen einem verliebten Filmemacher, einem Ehemann und dessen emanzipierter Frau.
(SL)

Seit er ihr zum ersten Mal im Zug begegnete, ist Ben dem Zauber, der von dieser Frau ausgeht, erlegen. Himmlische Gefühle durchfluten ihn jedes Mal, wenn er ihre Anwesenheit spürt, ihren Körper neben sich fühlen und ihren Atem hören kann. Doch leider ist diese wundervolle, selbstbewusste, elegante Frau verheiratet. Von Anfang ihrer zunehmend tiefergehenden Affäre an steht für sie fest, dass eine Scheidung und Trennung von ihrer Familie nicht in Frage kommt. So durchlebt Ben ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Eifersucht lodert auf, wenn er an ihren Mann Marcus denkt, himmelhoch jauchzen könnte er, wenn sie in der Nähe ist. Zaghaft versucht er eine gemeinsame Zukunft zu planen, der Beziehung eine Form der Beständigkeit aufzudrücken. Bei einem gemeinsamen Urlaub scheint ihm das auch beinahe zu gelingen, doch eine harmlose Autofahrt verändert plötzlich alles... - Zart, emotionsgeladen, schwärmerisch und bedrohlich zugleich wird der Leser Zeuge einer großen Liebe zwischen zwei Menschen, die sich kennen und lieben lernen, und doch ihren je eigenen Leben verpflichtet sind. Poetisch, gefühlvoll und reflektierend verfasst, durchfluchtet romantische Naivität den Roman. Zwar gerät das Ende etwas kitschig, doch treibt gerade die unterschwellige Bedrohung die Spannung an. Ein einfühlsamer Liebesroman nicht nur für Romantiker.
Sonja Schmid

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